Die Tischrede der fast hundertjährigen Dame. Sätze, die wie eine Barke über das Meer der Jahrzehnte segelten, Sätze, die das Jahrhundert durchwanderten, das Jahrhundert der Kriege und der wunderbaren wisenschaftlichen Entdeckungen (sie war Pharmazeutin und hat mitgeholfen ein schicksalswendendes Medikament zu entwickeln); Sätze, die Thomas Mann oder sogar Nietzsche niedergeschrieben haben könnte, Sätze, vorgetragen in einem Deutsch, aus welchem, zart angedeutet, ein andalusischer Akzent herauszuhören war. Die Dame gab zum Besten unter anderem, wie sie als Kind, dem Propheten Elia verwandt, unter dem Wacholderstrauch gelegen und geschlafen habe und von einem Engel geweckt worden und gerufen worden sei, aufzubrechen und ihren im ersten Weltkrieg gefallen Vater auf den Bahnhöfen zu suchen, auf deren Vorplätze die Toten herumstünden; und Jahre lang habe sie gesucht, habe den Vater auf keinem der Bahnhöfe gefunden, die tragische Liebe aber; jene Begegnung sei ihr zuteil geworden, die ihr die Augen dafür geöffnet, daß in der wissenschaftlichen Forschung Göttliches vorwalte durchaus – das Abgründige gleichermaßen aber zugegen sei. Ihr schöner Freund sei kurz nach der Verlobung gestorben (beim Schwimmen in einer Meeresbucht ertrunken); er habe den Weg ihr gewiesen und eröffnet, den Weg an die bedeutenden Universitäten der Welt. Eine unglaublich mitreißende Rede der alten Dame. Die Pointe ihrer Ausführungen: Der Ursprung der Wissenschaft liege im Schlaf (in Elias Schlaf), verdanke sich dem Angerührt– und Angeflüstertwerden durch einen Engel. Naturwissenschaftliches Denken sei unterm Wacholderstrauch geboren worden. Der Traum sei die Erde der Wissenschaft; von daher deren zeitweilige (von kaum jemandem aber wahrgenommene) Nähe zur Poesie. Die Konstellation »Traum / Wacholder / Engel«, ein Sternbild der Ewigkeit, sei als Geburtsstunde europäischer Zivilisation (mit all ihren Schattenseiten) zu deuten. Die Tischrede einer Prophetin. Ihre letzte Rede in einem müde im Zentrum der niederländischen Universitätsstadt Groningen vor sich hinwelkenden Hotel. Bald nach dieser bewegenden Rede hat sie die Augen geschlossen. In meinen Erinnerungen lebt sie weiter. Ich höre so oft nächtens in halbwachem Zustand das Thomas-Mann-Deutsch, den durchscheinenden andalusischen Akzent. Der Eindruck mitunter, sie diktiere mir, die vornehme Tote aus Granada, einen Romanessay in die Schreibfeder meiner Träume hinein.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)