Die tatsächlich radikalen Geister finden wir keinesfalls in der politischen Welt. »Revolution«, politisch gedacht, bedeutet nur eine Umschichtung der Macht. Politik kann die Sphäre der Macht nicht verlassen; daher gleicht sie in der Tat dem Sandkastenspiel der Kinder (Heraklit hat vom Brettspiel der Knaben gesprochen): Ich zerstöre Deine Sandburg dort und baue meine hier; ein dritter wiederum wird kommen und meine Burg zerstören. Das ewige Spiel der Macht. Der ewige Krieg. Die eigentlich radikalen Geister hausen in den Höhlen der Kunst. Nietzsche. Beckett. Sie wollen alles zerstören, die Tenne leerfegen, um dann etwas wirklich Neues, eine Welt jenseits der uns alle zermürbenden Zugriffe des Nihilismus zu errichten (wie die Baumeister früher Kathedralen erdacht und gebaut). Aber auch sie, die auf Totalität hin angelegten, die radikalen Künstler (die Futuristen, Surrealisten, die rufen: La revoluzione siamo Noí) bleiben doch Kinder des offenen oder verborgenen Kriegs. Hölderlin nun hat gerade darin die nüchterne Kraft der Poesie ausgemacht: Die kriegerische, zerstörerisch-alltägliche Wirklichkeit als solche in ihrer Beharrlichkeit nicht umstoßen zu wollen, sie dagegen zu würzen mit dem Salz, den Sehnsüchten der Poesie; sie anzuschauen mit den Robert-Walser-Augen der Kinder, sie anzurufen mit dem Mund der Kinder, sie zu berühren mit der Hand der Kinder – und doch sie nicht umstürzen zu wollen; die vom Krieg unterhöhlte alltägliche Welt der Schmerzen und seelischen Verheerungen zu poetisieren: An ihrem Sterbelager also zu sitzen und zu beten, zu segnen, zu erzählen, die Verse zu sagen Pindars und Vergils, die Hand auf die Stirn ihr zu legen, sie zu verbinden und zu trösten, die Dosierung der Morphiumzugabe genauestens abzustimmen. Poesie ist die schöne, reine, von allen Hintergedanken befreite Sterbebegleitung einer Welt, die, weil in sich tragend den Tumor des Kriegs, vom ersten Augenblick ihrer Geburt an im Sterben begriffen ist. Das späte Dichten Hölderlins lebt ganz aus einer Botschaft der Gnade. Zuletzt wollte Hölderlin keine neue Kirche; der Sinn stand ihm, dem seelisch Zerbrochenen, vom Schicksal Verhöhnten, nach der Kirche der Kindheit (welche ihm das gnädige Lächeln Jesu zugesprochen) – und den anderen Teil der Kirche, das Weltliche, Bürokratische, Ermüdende, Geistleere ––– müssen wir ertragen. Wir können nicht anders als mit den vorgegebenen Institutionen zu leben. Es braucht die Universitäten, die Gerichte, die Bibliotheken, die Kirchen, die Ordnungsmächte, all das Gewachsene, Hergebrachte, im Raum der Geschichte Gereifte, die Instrumente und Partituren (ohne das Handwerkliche der Schulen kein Gesang, kein Gitarrenspiel nachts auf der Fußgängerbrücke über den Seerhein); es braucht die Kampfbahn, das Stadion, die pindarschen Spiele (Olympia) ––– die Poesie ist das Kind, das am Fenster steht und hinausschaut und die Hand hält der Sterbenden und etwas sieht, was zu sehen uns verwehrt.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)