Drei Fragen, die mich heute bewegen: Warum fühlen Arme, verarmte Menschen, Harz-IV-Bezieher vom Leben sich ausgeschlossen? Warum war die Generation 1968 außerstande, ein poetisches Lebensgefühl zu vermitteln? Was ist Freude? Zur ersten Frage: In einem zufälligen Gespräch auf der Straße bin ich mit der Auffassung konfrontiert worden, daß jemand sagte, weil er viel zu wenig Geld habe, könne er es sich nicht leisten, ins Kino, ins Restaurant zu gehen, könne er keinen Urlaub machen etwa auf Mallorca…Man ist gehalten, bevor man überhaupt weiterdenkt, zu betonen: Ich verstehe diese Armut; sie ist traurig; ermüdend zweifellos muß es sich bitter ausnehmen, ständig rechnen, jeden Pfennig hin- und herwenden zu müssen. Niemand soll mir empfehlen, ich möge einen Monat lang als Harz-IV-Bezieher zu leben versuchen. Ich kann es nachvollziehen, daß man müde werden und sich gedemütigt fühlen kann. Nur gilt es einzuwenden, daß Teilnahme am Leben doch nicht etwa materiellen Wohlstand voraussetzt. Bedeutet die Eintrittskarte zu einer Veranstaltung Zugang zum »Leben«? Leben ist anderswo. Ich erinnere an den Roman Milan Kunderas, der besagten Titel trägt: »La vie est ailleurs / Das Leben ist anderswo«. Es braucht die Augen, das Leben zu finden. Es braucht die Haltung des Betrachtens. In einem einzigen konzentriert kunstvollen Tanzschritt der Ballerina, in einer einzigen Geste (dem Abschneiden eines Zweigs mittels einer Rebschere im spätherbstlichen Garten bei Nieselregen etwa) kann mehr Leben sein als in der nachtzerlärmenden Tanzorgie, welche die Gestalt des Einzelnen verwischt wie die Hand, die über den Tafelanschrieb aus Kreide (solange es diesen noch gibt) flüchtig fährt. Leben »ist« in der Abgeschiedenheit eher, im gelassenen Miteinander aber auch derer, die das eine oder andere Jahrzehnt durchs Hiersein reisen. Wenn jemand das Bedürfnis empfindet nach Gemeinschaft (und wen ließe dieses Verlangen gleichgültig, nimmt es sich doch schlicht und ergreifend wohltuend aus unter Menschen zu sein, die einen wertschätzen) – warum, frage ich, geht man nicht zur Kirchengemeinde? Ich habe in den Jahrzehnten meines Gemeindepfarrerseins nie, gar nie, wirklich gar nie erlebt, daß jemand, seiner Armut wegen, keinen Zugang gefunden, keine seelische Annahme hätte erfahren dürfen. Im Gegenteil. Wir haben, gerade in Langenargen, zahlreiche Arme immer und immer wieder (gerne und von Herzen) unterstützt (wirklich materiell unterstützt; nicht nur 10 Pfennige gegeben). Und sie haben mitgetanzt. Sie haben die schönen Lieder gesungen, während der Gebete innerlich oft geweint (wie all die andern auch), sie waren keine Außenseiter; ihre Kinder waren ungefragt, ohne jedes Empfinden von Anderssein, dabei. Natürlich, es bedarf der Sehnsucht (René Char bestimmt die Kirche als »Haus, das den Gottverlaßnen empfängt / Maison pour recevoir l’abandonné de Dieu«). Wer allem Heiligen gegenüber vollkommen gleichgültig sich zeigt, wird nicht den Schritt zur Kirche gehen. Das ändert aber nichts daran, daß es den Weg gibt; er kann beschritten werden. Man könnte noch viel sagen zur Möglichkeit der (materiell)Reichen, am Leben teilzunehmen; in diesem Zusammenhang darf ich die Lektüre des Neuen Testaments anempfehlen. Zur zweiten Frage nun, der oben aufgeworfenen nach den Achtundsechzigern. Eine der wesentlichen Wurzeln der Bewegung war doch zweifellos der Surrealismus. 1968 (im Sinne einer Bewegung, die sich im Geist der Revolte wiederfand) war eine Wolke: »Nuage de résistance / Nuage des cavernes // Wolke des Widerstands / Wolke der Höhlen« (R. Char). Nirgendwo spricht dieser Geist des Subversiven und Widerständigen kraftvoller und eindeutiger sich aus als in den Dichtungen eines Artaud, eines Éluard, vor allem auch im ersten Manifest des Surrealismus aus der Feder André Bretons (als ob das vormalige Rufen Arthur Rimbauds Gestalt angenommen hätte in diesem Schrifttum nach dem ersten Weltkrieg) – warum hat sich die Bewegung, in Deutschland besonders, von den poetischen Wurzeln so weit entfernt, daß fast nur dieses funktionärshafte Polit-Denken, die moralische Aggressivität des Rechthabenwollens hervorstach (»Einig zu seyn, ist göttlich und gut; woher ist die Sucht denn / Unter den Menschen, daß nur Einer und Eines nur sei?« Hölderlin, Wurzel alles Übels)? Warum kein Gesang? Warum nur Parolen und Ausgrenzungen (unbestechlich wie entschieden der Weg ins Sektiererische ––– die grausamen Idiotien in der Folge dann stalinistischer und maoistischer Stechschrittgedanken)? Das Buchhalterische von Anfang an? Und dieses mehr als billige (heute mehr denn je vorherrschende) lieblose Herabwürdigen der jesuanischen Gedankenvielfalt, der Jesus-Kirche? »Damit will ich nichts zu tun haben!« – und alles war und ist gesagt (ein vollständig geistentleerter, ausschließlich emotionaler Atheismus, der dem »Prost« beim Bierglaserheben verdächtig ähnelt und in dem die zukünftige Verfolgung der Kirche grundgelegt sein könnte). Die Verachtung Israels (nach 1945 wohlgemerkt!). Es gab ein paar situationistisch inspirierte Sätze, welche sogleich wieder, ausartend, zu Parolen wurden (»Unter dem Pflaster liegt der Strand«): ein paar Brisen Anarchismus ––– ein alter Freund pflegt immer wieder darzulegen, daß das Phänomen Achtundsechzig (der ganze Kosmos von Revolte, Stalinismus und Maoismus/ Pop und Rock / Verständnis für Pädophilie/ Situationismus / Kritiksucht, die sich selber gegenüber als kritikunfähig erwiesen / kaum wiedererkennbares surrealistisches Erbe, Kiffen und Saufen und und und) in der Tat jenen Konsumenten geschaffen und geformt habe, dessen es bedürfe heute für die Einkaufs- und Genußkultur eines Zeitalters, einer Tyrannis der Künstlichen Intelligenz. Das Individuum vor 1968 wäre untauglich gewesen, so der Gedanke des Freunds, für das neue raffinierte Fieber des Konsums. Es wäre sehr schmerzhaft, so dies zuträfe. Ich hoffe, mein alter Freund ist im Unrecht. Der Ansatz war edel und von hoher und ehrlicher Gesinnung und voller Erschrecken über die Taten der Väter. Immerzu die Tragödie: das Kentern der Unschuldigen in schuldbehaftetes Dasein. »Seele des Menschen, / Wie gleichst du dem Wasser! / Schicksal des Menschen, / Wie gleichst du dem Wind!« (Goethe). Um endlich noch die dritte, oben gestellte Frage zu berühren, die Frage nach der Freude. Gibt es den »hohen Webstuhl der Harfe« (Philippe Jaccottet) in unserem Leben? Der Hinweis sei erlaubt auf den kürzlich erst auf Deutsch erschienenen (in Frankreich bereits 1983 veröffentlichten), von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz hervorragend übersetzten Gedichtband des oben erwähnten Philippe Jaccottet »Pensées sous les nuages / Gedanken unter den Wolken«; dort findet sich die Meditation in Prosa »Le mot joie / Das Wort Freude«. An und für sich wäre ich gehalten, den ganzen, eineinviertel Seiten einnehmenden Text wiederzugeben. Ich begnüge mich mit der Bemerkung, daß die bejahende, bekenntnishafte Aussage, Freude könne in diesem Leben erfahren werden, sich allein dem ständig sich unterbrechenden, neu wieder ansetzenden Gedankengang erschließt. Es ist nicht die Parole. Es ist nicht die Behauptung. Es ist der fließende Text (genauso wie Jesu Wort im fließenden Text nur, nicht in der schroffen Behauptung, seinen Duft zu entfalten vermag). Das Wort ›Freude‹ kommt zum Dichter aus der Höhe, er nimmt es wahr als »das ganz schwache Echo eines mächtigen, glücklichen Gewitters.« (ebd. S. 35)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)