Das Tun und Verrichten des Alltäglichen läßt Menschen müde werden. »Immer das gleiche« sagen sie und stöhnen. Kochen, Einkaufen, S-Bahnfahren, Laubrechen. Man soll jedoch die Rituale nie isoliert betrachten, sie werden in immer anderem Kontext vollzogen, spielen mit jeweilig anderen Wettern zusammen. Die Großwetterlage schafft die Differenz. Kaffee zu kochen – es wären heute hunderttausend Faktoren (gesellschaftliche, klimatische, spirituelle, philosophische und und und) zu benennen, die um das Kaffeekochen als solches herumgeordnet sind wie Pfadfinder nachts ums Lagerfeuer herumsitzen; Faktoren, die heute anders sich darstellen als gestern, die nach einer Sekunde bereits sich verändert haben in ihrer Anordnung und Einflußnahme. Das Leben in seiner Gesamtheit ins Auge zu fassen führt zur Aussage, daß sich nichts wiederholt; daß jeder vermeintlich durch und durch bekannte Schritt einer Verrichtung in allen Bereichen immerzu neu sich ausnimmt. Die Beschwörungen im Prediger Salomo (»Es gibt nichts Neues unter der Sonne«, das noch viel berühmtere »Alles hat seine Zeit«) werden in ständig veränderte Gesamtbedingungen, ins Gelände immer wieder anders angeordneter Phänomene hineingesprochen. Darum soll man nie sagen: »Das kenne ich bereits« ––– Ja, Du hast es oft schon gehört, nun aber ist das vermeintlich oft schon Ausgesprochene in ein anderes Netz der Zeitlichkeit, der gesellschaftlichen und biographischen Umstände hineinverwoben– und von daher als etwas Neues, so noch nicht Zur-Sprache-Gebrachtes zu verstehen und anzunehmen. Es gibt keine Wiederholungen. Alles ereignet sich unablässig im Sinne eines Einmaligen, Noch-nicht-Dagewesenen. Alles geschieht zum ersten Mal. Geboren werden und sterben, weinen und lachen, töten und heilen, lieben und hassen, Steine wegwerfen und Steine sammeln. »Es ist ja die Kreatur unterworfen der Vergänglichkeit.« (Rm, 8, 20)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)