Gefragt, was große von eher durchschnittlicher Literatur unterscheide, antwortete Joseph Brodsky, es sei der »Geschmack für das Metaphysische.« Abgesehen davon, daß diese zugleich einfachste wie auch denkbar tiefsinnigste Antwort heute kaum, sofern wir Ernst Jünger unberücksichtigt lassen, aus dem Mund eines ungefähr zeitgenössischen Autors oder Denkers der westlichen Welt käme – abgesehen davon also scheint mir bemerkenswert: Das Andere, Besondere, Bedeutungsschwere gehört einer minoritären Betrachtungsweise, einem Außenseitertum, einem Abgewandt-, einem anderen Zugewandtsein, einem Entlangspazieren an den Rändern allgemein verwendeter Sprache. Das Große der Literatur hängt auf geheimnisvolle Weise mit dem Geschmack fürs Religiöse, der Sensibilität für eine ganz besondere Art des Fragens, mit dem Empfinden einer unauflösbaren Heimatlosigkeit zusammen (Nietzsches Daseinsbejahung ist die entschiedenste Weltfremdheit). An vorschnelle Antworten aus dem Bereich einer vorgestanzten Sprachlehre kann nicht gedacht sein. Es ist gerade der bestimmte und feste Glaube, welcher uns nur in der Gestalt des ›Fragwürdigen‹ (des Zweifelhaften) begegnen wird. Schweigen, den anderen wortlos anschauen oder anderswohin schauen, entspricht der Erde tiefen Glaubens. Am intensivsten von allen Menschen ist der Gläubige Zeuge des tragischen Weltgefühls wie des authentischem Pathos‘ (unablässig über Jerusalem weinen zu müssen). Bete Du mit uns, Herr, denn wir wissen nicht, wie und um was wir beten sollen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)