Ein Gottesdienst im Grünen soll irgendwo stattfinden; dazu die Bemerkung im Schaukasten der Gemeinde: »Bei schlechtem Wetter weichen wir in die Kirche aus.« Wer immer dies formuliert hat, wird sich nicht viel dabei gedacht haben. Ein schlichter Hinweis eben – mehr nicht. Tatsächlich aber kann man im gedankenlos Niedergeschriebenen auch das Wesen dessen, was Kirche eigentlich sei, ausgesprochen finden: Der aus Feldsteinen gemauerte Unterstand für Schutzsuchende im Weinberg; wohin man flüchten kann, wenn Bedrohliches, Wolkendunkel, Seelenzerstörendes sich über unserem Leben zusammenbraut; ein Luftschutzkeller, eine Krypta. Der angefochtene Einzelne, außerstande die Metaphysiklosigkeit (und die damit verbundene Banalität) dieser Zeit länger zu ertragen, der Transzendenz Ersehnende, der den Ruf Hörende – wohin soll er sich wenden, in welche Schutzräume sich retten? Choral, Liturgie und Predigt, das Heilige Mahl sind Säulen, die das Gewölbe tragen. Und wie ein Flüstern (Worte, die, noch nicht deutlich vernehmbar, aus der Ferne näherkommen) das Aufscheinen von Präsenz sodann (dies Empfinden des homo religiosus: Etwas ist da, ein Unaussprechliches, über jeden Zweifel Erhabenes, welches anwest). Oft habe ich Kirchen einfach so betreten, als Tourist, Gottesdienstbesucher, Treppensteiger, aus Gründen womöglich sogar des Zeitvertreibs – allein, jenes Empfinden, einen schützenden Raum, den Unterstand im Weinberg, zu betreten, ist mir gleichermaßen vertraut. Es geschieht immer wieder, daß ich als Schutzbefohlener, als Ratsuchender eintrete. Meine Seele sehnt sich nach der so verstandenen und gedeuteten Kirche Jesu. Es braucht keine Plakate mit Gesichtern von Konfirmanden und Säuglingen. Es braucht keine Parolen. Nur die Stille, nur die Andacht, das Verbundensein mit Christus. Er ist die Ulme, ich bin die Rebe (»ulmus amat vitem, vitis non deserit ulmum / Die Ulme liebt ihre Rebe, die Rebe verläßt die Ulme nicht« Ovid, Amores, Liber II, 41). »Bei schlechtem Wetter weichen wir in die Kirche aus.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)