Am Grab der Eltern. Wenn ich doch nur dies Grab regelmäßig besuchen könnte! Es liegt so schön, efeuüberflutet, zeitabgewandt, nachdenklich ›Sein‹ verströmend, unter Buche und Eibe. »Ich sehe wie die Autobahn, die an der Molkerei vorüberführt, / von Lichtern überflutet, im Dunkelanzug tritt ans Grab.« (––– so schrieb ich vor Zeiten in einem Gedicht). Wir haben unsere Gräber verloren. Nicht unsere Toten liegen ja im Grab. Unser Glaube liegt wie eine Krypta unterm Grabstein. Unser Glaube ruht im Grab (er besagtes ›Sein‹ verströmt). Das Stehen am Grab bedeutet, daß der Mantel des Glaubens uns um die Schultern gelegt wird. So gesehen ist das Grab ein Altar. Ich beuge die Knie. Meine Seele kniet vor Christi Thron. Am Grab fängt an der Weg zum Abendrot. »Jetzt nur noch die müde / Heimkehr einer armen, / Von der Essenz des Lebens, / Einer Morgendämmerung, / Zerfressenen Arche / In den Hafen. // Sterblichkeit gewahre ich, / Das Verlorensein im Meer / Uralten Habens.« Mit den Gräbern haben wir (wie ein Baum die Wurzeln) ein Urvertrauen verloren. Die Wirklichkeiten unseres Lebens werden zusehends von verschiedenen Gestalten der Tyrannis bestimmt (während wir noch im Sandkasten spielen). Die toten Seelen der Tyrannen werden wiederkehren. Schillers Balladen ( Die Bürgschaft, Der Taucher etc.) sind brandaktuell (–––überhaupt Schillers Schrifttum, seine Gedanken zur Ästhetik, wieder mehr Aufmerksamkeit beanspruchen dürfen). Ich empfinde es als Gnade, an ein Grab treten zu dürfen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)