Ich meine eine Demarkationslinie ausmachen zu können zwischen zweierlei Zuständen der Kunst im weitesten Sinne. Sofern ich von ›Zustand‹ spreche, soll kein erstarrtes Phänomen beschrieben werden. In sich sind diese Zustände bewegt und fließend. Von welchen Zuständen ist die Rede? Es gibt, der Sprache des Universalienstreits mich bedienend, eine via antiqua und eine via moderna. Zur via antiqua gehören Werke, die aus einem individuellen Ringen mit der Wirklichkeit hervorgehen, die die Gottesfrage unabhängig von der eigenen Gläubigkeit als wesentliche Frage aller Zeiten stellen, die das Antlitz der Zeit in einer eigenständigen experimentellen Sprache nachzeichnen und entsprechend existentielle Fragen aufwerfen. Beispielhaft könnte man sprechen von Künstlern wie Paul Klee, Georges Braque, Max Beckmann (entsprechende Namen aus dem Bereich der Literatur brauche ich nicht aufzuzählen). Die via moderna steht für das alexandrinische Phänomen. Es ist die Zeit des Sammelns, Zusammenstellens, Ironisierens, Spielens; Kunst ohne Anspruch auf Orginalität, Anspruch eher auf kluges Arrangieren, das Ausbauen von Theaterwelten ins Unerweßliche – ohne den Furor des individuellen Adrian-Leverkühn-Flehens. Der via moderna in diesem Sinn eignet eher ein Lebensgefühl des Satten (nicht anklagend gemeint!); der via antiqua das des Hungers. Chronologisch lassen sich die zwei Zustände nicht unterscheiden. Die Lebensdaten der jeweilig Schaffenden vermischen sich. Der Riß kann sich durch eine einzige Biographie ziehen. Die Demarkationslinie existiert; es handelt sich tatsächlich um zweierlei Entwürfe des Kunstschaffens. Hier der Feldweg (Feldweg, welcher auch durch Metropolen führt; der Feldweg Heideggers und Jaccottets) – dort die Bibliothek; via antiqua ist Gebet, der via moderna entspricht eine gewisse Müdigkeit zusammengetragenen Wissens. Zu welchem ›Lager‹ ich gehöre, entzieht sich meiner Entscheidung. Ich spreche von Geworfensein. Ich kann nicht wählen. Letztlich führen beide Wege ins Scheitern, sind beide Wege dem Gericht unterworfen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)