Die Deutungen dessen, was wir Geschichte nennen – wie stolz und selbstbewußt kommen sie daher! Und Experten überall (deren Bezogensein auf Statistiken). Im Rückblick auf ein langes Leben wird man erkennen, daß alles Deuten, Erklären, Voraussagen albern und nichtig gewesen! Die Geschichte ist Tanz. Niemand der um das innere Gesetz der Schritte wüßte; niemand der vorauszusagen begabt wäre, wohin die Füße der Ballerina fliegen werden. Pfingsten, will mir scheinen, sei ein Tanzlied (in jedem Tanz die Demut der Poesie). »Wer nicht tanzt, / weiß nicht, was geschieht. Amen!« (aus dem Tanzlied in den Acta Johannis, 3. Jh.n. Chr.) Im Ausgießen des Jesusgeistes verbirgt die Choreographie sich. Die Trunkenen auch, die durch die Adern wehen der Städte zu den denkbar kunstvollsten der JSBachschen Schrittfolgen, Säuglinge, Greise, Weltabgewandte, Kinder des Gebets, Studenten und Gärtner, deren Ausgelassensein und Flehn, Radfahrer, Chauffeure, Bäcker, Zauberer und Altgläubige (o ihr tatsächlich Suchenden), Schriftsteller der Nacht, Ärzte, die Gräber ausheben für ihre Winterstiefel, weihnachtlich und österlich Gesonnene, die Schwestern Rahels, Mütter des Totensonntags, die um ihre Kinder weinen, Zeitungsausträger der Morgenfrühe ––– ich erkenne im Pfingstfest den denkbar stillsten Karneval, den Karneval der großen Lektüren, der Spaziergänge des Nachdenkens. Nirgendwo wird das Tuch des Pfingstfestes (aus menschlicher Perspektive) vergleichbar weitläufig und großzügig über die Dinge geworfen der Welt wie in Hamvas Belàs Roman »Karneval« (ihr durch den Kosmos der Jahrtausende getragenen Masken der Hauptgestalt Mihály Bormester). Pfingsten sagt: Unsere Lebenswelt muß als die unendlich anmutende Reihung (Übereinanderschichtung) der Masken verstanden werden ––– Dann plötzlich befinden wir uns (o Staunen über Staunen) im Umkreis der theologia larvae dei (Theologie der Masken Gottes) Martin Luthers, der etwa, vom pfingstlichen Geist verführt möglicherweise, schreiben kann: »Non enim est vere vita sed tantum larva vitae, sub qua vivit alius, nempe Christus qui est vere vita mea, sed tantum audis, ut ventum audis sonare, sed nescis unde veniat, aut quo vadat, Ioan. 3 // Denn das irdische Leben im Fleisch ist nicht in Wahrheit ein Leben, sondern nur eine Maske des Lebens, unter welcher ein anderer lebt, nämlich Christus, welcher in Wahrheit mein Leben ist, das du nicht siehst, sondern nur hörst, wie du den Wind sausen hörst, aber nicht weißt von woher er kommt und wohin er geht«) (WA 40/I, 288)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)