Die eigentliche Auflösung des 68er-Denkens setzt ein mit dem Erscheinen eines Essays von Herbert Marcuse im Jahr 1977: »Die Permanenz der Kunst«. Der geistige Vater der Revolte opfert den Zentralgedanken der Bewegung, der darin bestanden, daß keine Privatheit, alles im Grunde als ein Öffentliches zu betrachten sei. Jede Falte der Intimität, jeder Vorhang, jede Tür, jeder nicht kommunizierbare, in Sprachallgemeinheit fassbare Traum, WC und Bett sogar, seien Kompost, auf welchem Kleinbürgerlichkeit gedeihe. Das kleine Gedicht mit seinen ins Kryptische sich neigenden Buchstaben, der gedankenverlorene Strich des Pinsels, der ausschließlich einer Schönheit sich hingebende Schritt der Ballerina seien bedeutungsgleich einer heimlichen Ausbeutungsstruktur des Kapitalismus, der seinen verbrecherischen Wesenszug gleichfalls hinter dem Ausruf »Seid anständige Menschen und arbeitet«, hinter kleinbürgerlicher Moral also, zu tarnen trachte. In dieser Hinsicht spreche ich von der surrealistischen Wurzel der Achtundsechzigerbewegung: Der Traum sei nicht weniger logisch als Vogelflug, Ausbeutung, Kleinfamilie. Alles sei öffentliche Sprache. Alles liege zu Tage. Das Perfide und Verbrecherische kapitalistischer Wirklichkeit liege im unablässigen Bestreben eines Sich-Verbergens. Nun kommt der Gut-Nacht-Lied-Onkel Herbert Marcuse (nein, ich will nicht spotten; ich schätze seinen Essay über die Permanenz der Kunst außerordentlich; ich bitte um Nachsicht) – kommt also der geistige Vater der Bewegung und sagt: Kunst lebe gerade aus der Verborgenheit, verweigere sich einer Einordnung in marxistisches (oder sonstwie geartetes Denken); man müsse diese Verborgenheit der Kunst als entschieden Widerspenstiges deuten. Der Kunst eigne das Verdienst, kraft ihrer Neigung, sich kryptisch zu gebärden, den Menschen in besonders herausfordernder Weise aus banalen, kleinbürgerlichen, kitschigen Lebenszusammenhängen herauszuführen; als Nicht-Ausdeutbare, Verborgene überrage sie die politische Tat an revolutionärer Kraft. Wie hoch auch immer Marcuse die Bedeutung der Kunst ansetzt – er hat eingeräumt, daß es »Weltabgewandtes«, dem Öffentlichen Sich-Entziehendes gleichwohl gäbe. Der Zentralgedanke war widerrufen, er war dahin. Die Ironie der Geschichte: Daß eine absolute Offenheit des Hierseins (eine Person ohne Türen und Vorhänge, der Möglichkeit beraubt des Intimen) ihre Wiederkehr feiert im Gedankengebäude, der recht eigentlich revolutionären Tat der Künstlichen Intelligenz. Die Algorithmen der Geheimdienste und Konzerne leuchten in die Träume hinein der Einzelnen; niemand, der sich entziehen könnte. Eine Idee ist wahr geworden – trägt indes ein anderes Gewand als ursprünglich beabsichtigt; hat das Lager gewechselt (aus dem Engel der Aufklärung ist der Leviathan geworden der Apokalypse). Ein anderes, leises Denken, welchem Marcuse in seinem Essay durchaus nahekommt, kommt zu uns im neutestamentlichen Hinschauen auf Jesus. Dies andere Denken wäre geneigt zu sagen: Das Verallgemeinernde, Ins-Licht-der-Öffentlichkeit Zerrende von Marxismus, Surrealismus und Algorithmus erweist sich einem einzigen Zentrum zugeordnet (dem einen Tempel der Revolution). Jesu Denken ist synagogal, tempelflüchtig, wandernd. Das Zentrum steht mitnichten auf einem Berg, an einem festgeschriebenen Ort. Jesus ist der Gott des Wegrands und des Windes. Jesus schenkt dem Einzelnen den Traum, Intimität (frei von Kitsch, weil dem hohen Anspruch der Poesie geschuldet); schenkt ihm einerseits Verborgenheit, das Kämmerlein des Gebets, andererseits DAS OFFENE auch, wie es Hölderlin uns entziffert: »Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute / Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein. / …..und fast will / Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. / ….. Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte / Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst, / Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist, / Und von trunkener Stirn‘ höher Besinnen entspringt, / Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen…« (Hölderlin, Der Gang aufs Land). Hölderlin deutet ›das Offene‹ im Sinne eines Ausgerichtetsein des Menschen auf das Heilige und Göttliche, auf Wegrand hin und jesuanischen Wind. Jesus öffnet das Denken auf Vielsprachigkeit, weitläufigen Traum, allwehenden Wind. Jesus ist der wandernde Tempel; in ihn, in seine Leiblichkeit hinein sind alle Tempel auferstanden. Die Tempel (nunmehr Synagogen im Mantel des erhöhten Herrn) wandern über Straßen, über Feldwege, an Caféstuben vorüber, unser sowohl der Tyrannis als auch Kitsch und Geschwätz ausgeliefertes Hiersein zu versöhnen: Daß unser Leben »gekrönt sei« mit »Mahl und Tanz und Gesang und Stuttgarts Freude« (Hölderlin, ebd.)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)