Das ICH bestimmt unvergleichbar eindrücklich unser Hiersein, daß jeder Versuch, es ausschließlich im Sinne einer anthropologischen Größe zu deuten, zu durchleuchten als vergebliches Ansinnen erscheinen muß. Dies EGO in all seiner Gier und Grausamkeit, seiner Sehnsucht nach Zentralstellung und unbedingter Wahrheit verdankt seine Mächtigkeit einer innergöttlichen Eigenschaft, welche irgendwie, gottursprünglich wie gottähnlich, durch die Adern auch fließt unserer Wenigkeit. Im ICH strahlt etwas auf von tatsächlich göttlicher Größe – tritt aber, einem Engelssturz vergleichbar, spiegelverkehrt sozusagen, auf die Bühne der Welt. Authentisch gespiegelt erschiene die Demut als Nebenarm göttlichen Strömens in uns. Demut, die nicht aus uns selber geboren werden kann. Demut will Sprache Gottes in uns sein – im ICH dagegen siedelt jene gottgegründete Lindigkeit als ein auf den Kopf Gestelltes. Im ICH pulsiert göttliche Kraft – diese aber nun pervertiert erscheint. Im Egoismus erkennen wir die Anmaßung des Einzelnen, herrschaftlich über alles um ihn her verfügen zu wollen – als ob es, dies letztlich lächerliche Gebaren, säße auf göttlichem Thron. Einen Kern von Thron hat es in sich; anstatt aber davor die Knie zu beugen, ermächtigt das große ICH sich selbst, auf den Thron zu klettern (ohne zu bemerken, daß dieser unerreichbar, viel zu hoch). Am Ende ist es gehalten, das vermeintlich polyglotte, dermaßen elegant durch die Arena der Stunden kreisende ICH, einer Sprache sich zu befleißigen, die kaum mehr als ein Seufzen, das Hecheln eher eines in Lumpen sterbenden Wesens.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)