Ein holländischer Künstler (er lebt mit seiner Familie im ländlichen Umkreis von Rotterdam auf einem alten Gehöft); ein Maler ––– ich erinnere mich, wie er seine hochzeitlich geschmückte Tochter an den Altar der Antonius-Kapelle geführt: nachlässig gekleidet (Jeans und zerschlissener Pullover, Wanderstiefel). Im an die Trauung sich anschließenden persönlichen Gespräch vor der Kapelle, zu Zigarre und Weißwein, stellte sich heraus, daß er ein frommer und hochgebildeter Mann war (er verfügte über ausgesprochen detaillierte Kenntnisse, was die Werke Platons, Senecas, Spinozas, Nietzsches, was die Heilige Schrift und besonders auch das Hart Crane-Gedicht »The Bridge« anbelangte; wobei die Alpengipfel seiner Bildung zweifellos noch weit höher ragen würden, als in einem halbstündigen Gespräch an den Tag zu kommen vermochte). Er sprach von der »Herrschaft des Vierten Standes« und führte aus, er verstünde diese Tatsache einer Herrschaft des Banalen nicht als Fehlverhalten einzelner; deute diese Großwetterlage des beginnenden XXI. Jahrhunderts vielmehr als ein Auferlegtes, ein ausnahmslos in allen Menschen heute Wohnendes. Sein Blick auf diese Zeit war kein verächtlicher. Wissen und Erkenntnis, Weltwahrnehmung überhaupt, so führte er aus, seien, einer durchgehenden ökonomischen und hedonistischen Durchdrungenheit aller Lebensbereiche wegen, außerstande, Kunst und Religion zu verstehen – diese als staats- wie überhaupt gemeinschaftsbildende, seelisch erbauliche Mächte zu wissen. Eine künftige, die Herrschaft des Vierten Standes brechende Religion sei von ihrem Kern her ein ganz anderes Verständnis dessen, was Christus bedeute; die Bedeutung des Christus hätten wir noch lange nicht in ihrer Tiefe ausgelotet; ein biblisch-poetisches Christentum werde die Welt in die Arme nehmen und ihr eine neue Schönheit zusprechen. Seine Gedanken waren Wasser auf meine Mühlen. Ich habe ihm so gerne zugehört, wie er behutsam, langsam und leise in denkbar elegant gefügtem Deutsch gesprochen. Ein geist-adliger Mensch, der seinem Äußeren keinerlei Bedeutung beigemessen, der gleichwohl, einem Fürst vergleichbar, den die Feder Curzio Malapartes gezeichnet hätte, die Tochter geführt, der wie ein Sils-Maria-Wanderer gesprochen. Ein Prophet. Ein Fremder. Ein großer Deuter der paulinischen Briefe. Wer ihn gesandt?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)