Die Knobelbecher eines kurzatmigen Gewitters poltern über die Stirn der Stadt. Wir sitzen auf einer weitläufigen Terrasse unterhalb des Waldsaums, ameisenhaft unsere Blicke wuseln über die Wasser des Sees zu den Alpengärten hinüber, wo einsame Wanderer aus untergegangen Epochen, der Göttin Mnemosyne huldigend, ihr Übriggebliebensein feiern und wie Rodins Denker auf Steinen sitzen. Sie stellen sich die Frage, die Müden, Zeitabgewandten, ob unreine Hände dem Gott dienen dürften? Sie erinnern sich des Propheten Haggai, der die Frage aufgeworfen, ob unreine Hände am Bau des Tempels mitzuwirken das Recht hätten? Sie fragen, die Letzten vom Stamm der Abrahamiten, ob nicht jeder Mensch, allein dadurch, daß er Mensch geworden, der Unreinheit überantwortet sei? Gäbe es reine Hände? Es gibt sie nicht, befinden sie. Sie sagen, auf ihren Steinen sitzend in den Alpengärten, die Schönheit des Irdischen bestünde gerade darin, daß es keine Reinheit gäbe. Wie das Unfertige den Gipfel darstellt alles menschlichen Tuns (»L’imperfection est la cime«, so Yves Bonnefoy) ist die Unreinheit die eigentliche Quelle der Kunst. An diesem Gedanken zerbrechen die religiösen Fanatiker, die von sich selber anzunehmen geneigt sind, sie würden Kinder sein der Reinheit. Vielleicht ist das die schlechthinnige Größe unseres Martin Luthers, daß er die generelle Unreinheit nicht nur erkannt, daß er sie nicht nur zur Kenntnis genommen, daß er sie weiterdachte und als den Kern zu identifizieren wußte schöpferischer Energie. Weil der Mensch grundsätzlich der Unreinheit gehört, besteht diese unendliche Sehnsucht nach Jesu Gegenwart. Der Reine braucht niemanden (so wenig der Gesunde nach dem Arzt rufen würde). Aus jedem Kunstwerk steigt, wie Rauch, der Ruf nach oben. Das »Erbarme Dich!« steht als Titel über jedem Gedicht, über jeder Plastik, über jedem Schritt der Tänzerin, über einer einzigen, zaghaft berührten, sodann angeschlagenen John-Cage-Klaviertaste.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)