Nirgendwo im Kunstschaffen des späteren XX. Jahrhunderts kommt vergleichbar stark das JSBach-Franz-Kafka-Empfinden, Gott möge sich erbarmen, zum Ausdruck wie in den Filmen Andrej Tarkovskijs. Ein in der Sowjetunion Geborener, die längste Zeit in Moskau und in der Nähe auf dem Land lebender Regisseur, sein Vater Arsenij Alexandrowitsch war Dichter, hat ungewöhnlich leidenschaftlich nach der Liebe des Christus gefahndet und dabei jede denkbare geistige Kraft aufgewandt. Dabei gilt es zu beachten: Tarkovskij hing keinem ›alten‹ Glauben nach; gerade als Künstler-Regisseur suchte er jenes Band zwischen Glaube und Kunst als Perspektive für das XXI. Jahrhundert wieder zusammenzuknüpfen, welches in den Anfängen und in der Mitte des XX. Jahrhunderts an so vielen Orten zerrissen war. Als wesentlicher, im Grunde den ganzen Film »Das Opfer« ausleuchtender Gesang erweist sich die Arie »Erbarme Dich!« aus der Matthäuspassion. Ein Film, der die drohende atomare Katastrophe, die Umweltzerstörung, die Sprach- und Denkzerstörung, korrupte politische Systeme als Kulisse hat, der um das Staunenkönnen der Kindheit ringt – zu welch anderer Melodie sollte Tarkovskij greifen? Heute bis morgen früh, die ganze Nacht über, der Flohmarkt in der Stadt; Zehntausende, die kommen, feiern, nach Kleinigkeiten kramen werden in zu Hügeln aufgetürmten Waren. Das ganze mutet an wie die Szene aus jenem Tarkovskij-Film, welchen der frühe Tod am 29. Dezember 1986 in Neuilly-sur-Seine, ihm nicht mehr zu drehen erlaubt hat. Über allem steht das Kyrie einer sterbenden Sonne.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)