»Die Globalisierung, die Digitalisierung, das Internet, das alles hat unsere Existenzweise grundlegend verwandelt..« – man braucht einer solchen Aussage gar keinen Namen mehr zuzuordnen; das sagen einfach alle; man liest es in jedem Interview und hört es auf allen Kanälen. Im Fachblatt der Bäckerinnung findet sich dieser Satz genauso wie im Künstlerinterview oder im philosophischen Essay. Alle nicken nachdenklich und meinen etwas ganz und gar Grundsätzliches ausgesprochen zu haben, was mitnichten in Zweifel gezogen werden könne. Niemandem kommt es in den Sinn, zu fragen, ob das so und überall Geäußerte (und als selbstverständlich angenommene) denn überhaupt zutreffe. Ich als einfacher alter Mann, der an den Flüssen entlangwandert, kann nirgendwo eine grundlegende Veränderung wahrnehmen. Dadurch daß ein neuer Schuh entwickelt wurde, hat das Hingehn sich doch nicht verändert (weder oberflächlich noch grundlegend). Wir bleiben die Kinder des Rätsels, die aus dem Dunkeln kommen, hineingehen in ein Dunkel. Die Malerei spiegelt das alte Ritual des Zeichensetzens auf Höhlenwände. Das Autofahren bleibt die Überwindung einer Entfernung, die sich auftut zwischen ein klein wenig Haß und ganz viel Haß. Eine Erkältung bleibt eine Erkältung. Und der Tod bleibt ein schmutziger Taschendieb der Straße. Narren sitzen auf dem Thron. Wir treiben die Kühe im späten Sommer ins Tal – inwiefern unterscheidet sich dies von einem stundenlangen Wutanfall vor dem Bildschirm nächtens? Wenn ich auf Grund der Smartphone-Daten weiß, wo mein Nachbar in New-York herumlungert, in welcher Bar er sich besäuft – was weiß ich dann über seine Seele? »Schön hiergeblieben!« rufen die Wächter in Platons Höhle. »Schaut euch satt an den Bildern auf den Wänden, werdet müdet und findet den sanften Schlaf!« Es ist der altbekannte Größenwahn, zu meinen, man sei begabt, grundlegend Neues zu schaffen. Ich halte fest am skeptischen Denken eines Montaigne. Ein Paar Stöpsel in die Ohrenmuscheln zu stecken, wie alle andern auf einem Ziffernblatt herumzutippen, den Todesmelodien der Nacht berauscht seine Aufmerksamkeit zu widmen, ins Weltall zu fliegen, slow food zu entdecken, am Brotlaib der Aktienmärkte zu nagen, auf der Kloschüssel sitzend bis 94 zu zählen – von welch besonderer Intelligenz soll dies denn zeugen? Ah, ich verstehe: Wir sprechen von der »Künstlichen Intelligenz«. Nun, dann habe auch ich eben noch gar nichts verstanden. Ich gehe meinen Weg an den Ufern entlang der Flüsse. Ich widme meine Schreiten einer anderen Melodie, einem anderen Rhythmus. »Auf meine alten Bäume fiel der Schnee; / auf meinen alten Bäumen liegt der Rocksaum noch des Kaffeehausgesprächs; / auf meinen alten Bäumen glost das Fieber nie vergangner Feldzüge und Kriege; / auf meinen alten Bäumen wachsen Schatten eines nie mehr abgewandten Monds. // Auf meine alten Bäume Unmengen von Schnee zur Unzeit fielen / Postpakete grüner Einsamkeit.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)