Der russische Dichter Ossip Mandelstam (1891 – 1938) wurde von Stalin, dem roten Diktator, aus Moskau vertrieben. Wer die ergreifende, erschütternde von Ralph Dutli verfaßte Biographie des modernen Orpheus Mandelstam gelesen, weiß, wie leidenschaftlich Mandelstam um ein Aufenthaltsrecht in der Stadt gekämpft, wie er immer wieder in die Stadt zurückgekehrt und schlußendlich doch aus der Stadt verwiesen und in einem sowjetischen Straflager ermordet worden war. Das Ereignis der Vertreibung des Dichters Mandelstam aus der Stadt ist von paradigmatischer Natur! Steht sein Ausgewiesenwordensein, eine Art Kreuzigung, doch womöglich dafür, daß die Städte des 20. und nunmehr 21. Jahrhunderts, die moderne Stadt überhaupt, den Gesang, poetischen Ernst, das Feierliche, die ihr ins Wesen ursprünglich eingeschriebene Poesie verloren?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)