Wie die Möwe einfach nur hiergewesen zu sein, fraglos und kühn die Wetter verachtend des Irdischen (»Möwen sind, winters oft, einem Grau von Gras / und Landschaft zugeworfen, über Flüsse froh / herabgekommen; Möwen, in den Staub geschriebne Zeichen / eines „hohen Klangs“; Möwen, die, vermeintlich vornehm, / die Distanz auch wahren und nie weinen, die in die Fabrik / nicht gehn und keine Tücher weben, / das Handwerk tief verachten wie den Weg der Ameisen, / vor keinem der Altäre je zerknirscht gekniet; nur dagewesen, / mehr ja nicht…«) ––– beziehungsweise vor sich hin leben zu dürfen, dem Alltag ganz ergeben, wie Theokrit es wundersam in dialogische Verse gegossen: » TH.: Was hast du für Kummer? / AI.: Mit uns steht’s nicht zum besten, Thyonichos. / TH.: Deshalb also bist du so mager, und dein Schnurrbart da wuchert,/ struppig die Locken. So sah ein Pythagoreer aus, der neulich kam,/ bleich und ohne Schuhe; Athener, sagte er, sei er. / AI.: War denn der auch verliebt? / TH.: Ich glaube, in geröstetes Weizenbrot.« Warum sammelt sich in den Buchtender Jahreszeiten Schwemmgut in großer Menge an Kummer und Sorge? Warum die Neigung zur Melancholie? Warum den Fragen so ergeben des homo religiosus (Fragen, die die Masse der Menschen für ganz und gar überflüssig erachten würde). Erwählung? Darf man in der Neigung, einem tragischen Denken verfallen zu sein, das Zeichen des Erwähltseins erkennen? Daß der unablässig Fragende verworfen wäre? Ein denkender Glaube schüttelt doch gleichermaßen viel Frau-Holle-Glück auf ein dann verschneites Dasein. Ums Eck wohnt ein ehemaliger Bäckermeister, der mir immer und immer wieder bedeutet, daß es ganz gleichgültig sei, wie man lebe, was man denke und glaube, ob man Gott negiere oder vor ihm auf die Knie sänke – am Ende fiele eine bittere Nacht auf alle. Er meint, der alte Bäcker, daß sogar die urplötzlich Sterbenden (buchstäblich vom Sturm Umgeworfenen, vom Fahrrad etwa Stürzenden) dieser Nacht ausgeliefert wären. Darf ich ihm widersprechen? Könnte ich etwas vorweisen, was die Bitternacht in Frage stellen, in ein anderes (vielleicht sogar heiteres) Licht tauchen würde? Ich habe viele Menschen sterben sehen. Ja, die Nacht kommt. Welcher Art wäre die Nacht? Dürfte man auf Hölderlins »heilige Nacht«, wie er die in »Brot und Wein« ersonnen, hinweisen; daß die äußerlich als undurchdringlich und kalt sich erweisende Finsternis (jene, welche nach Jesu Tod über die Schöpfung sich gelegt), im Innersten die Hände aufhalten und verwandelt, verklärt würde? Daß besagte Nacht substanziell ein Tag, ein aus den Zeitläuften herauskippender Tag? Angesichts der bitteren Nacht, sage ich zum Bäckermeister ein ums andere Mal, verfügen wir über anderes nicht als nur über das Gebet. Er pflegt dann sehr nachdenklich »Ja« zu sagen und in den Hausflur sich zurückzuziehen, in den halbdunklen, der ins Treppenhaus führt. »Aber sie steigen hinauf, sie steigen nicht in den Keller hinunter«, rufe ich ihm hinterher. Er dreht sich nochmals um. Lächelnd sagt er: »Ich steige die Jakobsleiter hinauf.« In verschiedenen Varianten wiederholen sich von Zeit zu Zeit Gespräch und Szene. Möwe sein, geröstetes Weizenbrot lieben, einem tragischen Nachdenken dienen, entschieden und fest im Glauben wohnen – wir gehören nicht der Nacht, Herr Bäckermeister. Das grundsätzliche Mißverständnis besteht darin, daß wir meinen, selber Herkunft und Reiseziel bestimmen zu können. Das meint doch Geworfenheit – daß wir uns nicht gehören, daß wir uns selbst gegenüber Fremde sind, daß die Haustüren, wie verriegelt auch immer, im Grunde sperrangelweit offenstehen und wir nicht wissen, wer hinein- und wer hinausgeht. Wir Kinder der Augenblicke –––

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)