Immer sehr früh morgens hört man die großen Flugzeuge, die auf die Landeerlaubnis warten in Zürich-Kloten, kreisen über der Stadt . Es hat etwas Tröstliches wie auch etwas Beunruhigendes. Der versöhnliche Teil besteht darin, daß ein stets Wiederkehrendes geschieht im Zeichen des Lammes – will sagen: ein sanft Rituelles (wie das abendliche Falten der Hände überm Mahl) ist hineingeschrieben in die Himmel. Die technische Welt ist uns nicht feindlich gesonnen. Ihr eignet durchaus ein behütendes Moment. Die großen Rhythmen der Maschinen bewahren Leben. Indes das Antlitz des Lammes geschwind die Züge annehmen kann der Totenmaske. »Le soleil tourne, visage de l’agneau, c’est déjà le masque funèbre / Die Sonne dreht sich, eben noch Antlitz des Lammes, ist sie schon Totenmaske.« (René Char) Erinnert werden plötzlich die Flugzeuge, die Bomben gebracht über Hiroshima und Dresden und Coventry (und Bomben bringen über andere Städte heute). Darin erkenne ich den tiefsten Grund des Tragischen: daß sich jedes Phänomen erfassen läßt sowohl in der Handschrift des Lammes wie auch als Gekritzel der Totenmaske.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)