Selten genug trifft man noch auf ihn im Kaffeehaus: den Kierkegaardleser; eine aussterbende Spezies. Mit Kierkegaard hat die Weltliteratur (nach seinem großen Vorbild Hamann, der die ersten Meilen gebahnt des Pfads) einen ganz besonderen Weg zum Begehen eröffnet für die Wenigen; will heißen: man fängt irgendwann, eher zufällig, an, den kantigen Feingeist zu lesen und wird niemehr aufhören. Man kann sein Werk nicht zu Ende lesen. Es enthällt kaum greifbare Fakten, es bietet das Lesen als Vollzug und Ereignis. Man muß Kierkegaard immer und immer wieder lesen, ohne je an ein Ziel zu gelangen. Man wird seine Schriften mit hinübernehmen in ein anderes Leben; und auch dort weiter- und weiterlesen. Kierkegaard zu studieren erweist sich als schicksalhaftes Unterfangen; eine ansteckende Krankheit (eine aber zum Ewigen Leben und nicht zum Tode). Du hast ein Werk zehnmal gelesen – sobald Dich jemand fragt, was der dänische Denker nun denn vor Dir ausgebreitet, gerätst Du ins Stottern; gehst nach Hause und fängst wieder von vorne zu lesen an. Damit verweise ich auf das Wesen der Dichtkunst. Kierkegaard befleißigt sich eines nüchternen, in eher seltenen Augenblicken lediglich explizit poetischen Stils – sein Denken ist dichterisch. Kierkegaard ist der leidenschaftlichste Sänger Gottes, mit der schönsten aller Stimmen. Indes die Stimme leise anklingt; ohne das ausdrückliche Lauschen (womit wir bei der ewigen Lektüre wieder wären) wird man nichts ›erhaschen‹. Kierkegaard ist der Sänger des gekreuzigten Herrn, des Paradoxes und des vollkommen nachdenklichen Blickes auf die Dinge. Es mag befremden, ich spreche es gleichwohl aus: Drei Einzelgänger der Weltkunst singen den Christus: JSBach, Hölderlin, Kierkegaard. Sie gehören zusammen wie Blutsverwandte, sie leben die Nähe zur Jesus-Liebe (sage ich zärtlich und schmunzelnd und ertrage alle Schmährufe). Im Kaffeehaus jedenfalls begegnet man ihm nur noch selten, dem Leser Kierkegaard’scher Schriften. Hier und da aber triffst Du noch auf eine Ulme.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)