Vom schönen weißen Regen trinken möchte diese Erde. Nicht irgendein Regen, der stillen würde ihren Durst – sie ersehnt, unsere Erde, den Zaubertrank, das Elexier einer höheren Idee. Im Jahr 1923 veröffentlicht Nicolai Berdiajew seine Studie »Die russische Revolution«. Dort findet sich die Aussage: »Rußland ist daran zugrunde gegangen, daß sich das Volk in eine Armee verwandelt hat. Die Armee hat den Staat vernichtet. Ihn retten kann allein ein höheres Prinzip…Nein, das Problem des Bolschewismus ist kein äußerliches, mechanisches, mit Militärgewalt zu lösendes, sondern vor allem ein inneres, geistiges Problem.« Spätestens nach der russischen Revolution die Erkenntnis also, daß es eines Höheren bedürfe, daß die Probleme unserer immer noch von den mächtigen Kriegen des XX. Jahrhunderts geprägten Zeit nicht aus eigener Kraft gelöst werden könnten (sofern überhaupt an eine Lösung gedacht werden könne). Die neuzeitlich-technische Welt kann nicht aus sich heraus heilende Kräfte entwickeln. Weißer Regen wäre der Mantel, welcher jeder poetisch-religiösen Inspiration um die Schultern läge. Aus welcher Himmelsrichtung kämen die Wolken? Welche Hände könnten sie herbeiflehen? So viele Jahrzehnte sind vergangen; die Welt sinkt zusehends in sich zusammen. Keine Rettung von irgendher. Heilende Kräfte zu beschwören scheint nicht weiterzuhelfen. Gebet und Prophetie dürften sich von selbstgebastelten Expertisen irgendwelcher Heiler (Experten) nicht wesentlich unterscheiden, was die allem scheinbar innewohnende Ohnmacht anbetrifft. Wir haben nicht aufgehört, Feste fröhlich zu feiern. Es ist ein Leichtes, die Massen auf die Straßen zu rufen; sie folgen jedem Lockruf (es bedarf lediglich der Flaschen-Biere, welche man unvergleichbar elegant durch die Straßen zu tragen weiß). Wohin der schöne weiße Regen fiel – nach ihm dürstet in der Tat die Erde; er will nicht mehr aus den Himmeln fallen. »Die Deutschen neigen von Natur zur Häresie des Pelagius und des Arius, von Natur, also aus eigener Tüchtigkeit, die hochmütig macht, und aus eigenem Hochmut, der intellektuell untief macht.« (Theodor Haecker am 1. Mai 1944). Der eine, Pelagius, ein britischer Mönch des 4./5. Jahrhunderts, beschwor die Tüchtigkeit des Menschen(wir seien begabt, aus freiem Willen unser Leben zu gestalten, seien auf keine Gestalt der Gnade ausschließlich angewiesen); es bedürfe des Kniefalls nicht vor einem Wunderbaren. Der andere, Arius, Presbyter aus dem 3./4. Jahrhundert, schneidet den Baum des Christus zurück auf menschliches Maß; er, Christus, sei anderes nicht als ein zu bestimmter Zeit von Gott auserwählter (adoptierter) Mensch – von wegen, daß Jesus aus präexistenten Fernen herbeigeweht worden wäre. Arius und Pelagius gehören zu den frühen Entzauberern der Welt. Sie haben zweifellos mitgeholfen, den hohen Turm einer beachtenswerten Zivilisation zu errichten (die nicht unbedingt in allem an Babel erinnern muß). Sie waren frühe Aufklärer. Wie hätten sie ahnen können, daß eines fernen Tages der Durst die Erde und ihre Menschen quälen würde!

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)