Ich suche nach einem Denken, welches ›neu‹ wäre – nicht im Sinn eines vollständig anderen, noch gar nie dagewesenen Sagens; ›neu‹ vielmehr im Sinne einer Anamnesis: dergestalt, daß ein Denken die Stimme erhöbe, an welchem man jahrhundertlang vorübergegangen, das zugegegen gewesen, das man aber mißachtet, nicht zur Kenntnis genommen. Vergleichbar der Tatsache, daß man, nach der Gründung der Sowjetunion, an religiösen Denkern und Dichtern vorübergegangen, die, obgleich anwesend, in Gefängnis-Hinterhöfen vor sich hingefroren als große Spirituelle, deren Stimmen geistigen Reichtums ungehört verklungen, poetische Denker die man nach 1989 schrittweise aus der Vergangeheit herausgerufen und man zur Kenntnis nehmen mußte, daß dieses Denken als unermeßlicher Reichtum dagewesen, aus der Verborgenheit heraus gestrahlt ––– Ich spreche von einem neu anderen Blick auf die Dinge ––– Ich spreche von einem religiösen Denken, das, an einen Panama-Kanal erinnernd, die Meere des Gesangs (die Meere der modernen Poesie) verbindet mit Gedanken der Vorsokratiker (Heraklit, Parmenides), johanneischer Theologie (zu welcher, wie die andere Seite einer Münze, die Theologie der Johannesapokalypse gehört) und der existentialistischen Aura des XX. Jahrhunderts. Besagte Topoi indes nur der Blick aus dem Flugzeug sind, das Landschaften überfliegt. Letztendlich geht es um ein gläubiges Auferstehungsdenken, welches aus Treppenhäusern und Seitengassen träte in den Mittag sterblicher Augen; um das Denken von Schönheit und das Zerdenken (Entkernen) des Tods.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)