Am zurückliegenden Wochenende mit dem Auto unterwegs; dabei irgendwann an jedem Tag im Verkehrschaos (Stau) verloren. Ich beobachte mich selbst; indes beim Warten in der Schlange mein Blick gleichermaßen auf die anderen fällt, die jeweils in ihren gekühlten und wohlbeschallten Kabinen geduldig sitzen (und manchmal telephonieren oder irgendwelches Zeug in Tastaturen hämmern). Die Annahme drängt sich auf, die Fahrkabine eines Autos sei die eigentliche Metapher geworden für unseren Aufenthalt auf Erden. Wir harren aus, mehr oder weniger bewegungslos (im Sinne eher eines seelischen Verurteiltseins), eingesperrt in unsere hochtechnisierte Kammer, an diesem oder jenem Punkt eines unüberschaubar gewordenen Systems der Straßen, Geworfene, unfähig, über unser eigenes Hiersein entscheiden zu können, harren aus und summen, Träumen hingegeben, eine Melodie. Manchmal fahren wir über vorgegebene Wege; manchmal stehen wir stundenlang im Stau. Unser kleines Leben. Vor dem Hintergrund dieses Eindrucks lese ich bei Adam Zagajewski: »Wir wissen, daß Deutschland früher hervorragende Mystiker hatte, im Rheinland, in Schlesien, wir wissen auch, daß es jetzt keine mehr hat, aber etwas muß ja von ihnen ihnen geblieben sein, sie können nicht spurlos verschwunden sein…« (Adam Zagajewski, Die kleine Ewigkeit der Kunst, München 2014, S. 282)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)