Die Menschen bewohnen, Insekten gewissermaßen verwandt, ein Wiesengrundstück; unablässig damit beschäftigt, vor dem Stiefel der Hitze zu fliehen, dessen Sohle alles zusammentritt unter sich. Mein Spaziergang am Seerhein entlang führt mich durch ein Strandbad. Ich singe den höchst bedeutsamen Choral »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?«, Partien dazu aus der entsprechenden Bach-Kantate (BWV 27). Ein Mann, um die sechzig bin ich zu vermuten geneigt, der Musik anhört, fühlt sich offensichtlich gestört. Er springt auf, kommt auf mich zu, fährt mich an, knurrend und äußerst angriffslustig, vorgestreckten Kinns: »Was singst Du für einen Sch….«? ––– »Ich singe den Choral ›Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?‹ ––– Er stößt mich zurück und schreit: »Hör‘ auf mit dem Sch…« ––– »Aber Sie hören doch auch Musik; darf ich nicht mehr singen?« Ein junges Paar eilt herbei, hält ihn zurück, besänftigt ihn: »Laß ihn doch, der ist verrückt…« ––– Überall, wo ich gehe und stehe, atme, denke, singe, Worte ins Notizbuch kritzle – überall bin ich der Tatsache ausgesetzt, daß der Glaube in der Tat zum Phänomen des Minoritären vollständig geworden. Man darf glauben, vom Heiland träumen, man darf (wie Kinder dürfen, sofern sie sich nicht allzu laut gebärden). Man darf…Was Kierkegaard scharfsinnig und prophetisch vorausgesehen, worin er geradezu ein Gesetz erkannt, muß jetzt überall und ständig ertragen werden. Was wird morgen geschehen? Wir wissen, daß es Gesellschaften gegeben, die weitergegangen sind, als jesuanischen Glauben nur zu belächeln; wir wissen, daß keine Religion auf Erden vergleichbar haßerfüllt verfolgt wird dieser Tage wie das Christentum außerhalb Europas. »Willkommen! will ich sagen, / Wenn der Tod ans Bette tritt. / Fröhlich will ich folgen, wenn er ruft, / In die Gruft, alle meine Plagen / Nehm ich mit.« (Aria, Alt).

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)