Im politischen Alltag der »Schaubühne ARD/ZDF/ARTE etc.« wird dem jeweiligen Gegner ein ums andere Mal vorgehalten, das Volk, ich zitiere, zu »verarschen« (sic!) Nun weiß der schlichte Betrachter der Dinge, der Außenstehende, daß alle Akteure, alle Partisanen der Politik, die an besagtem Theater teilhaben, sich vorwerfen lassen müssen, Rollen innezuhaben in einem unüberschaubar absurden Stück. Alle spielen mit (ohne zu wissen, daß sie spielen). Daher rührt der Eindruck des Lächerlichen (das aber charmant und nicht überheblich gemeint; denn wir alle sind ja Spieler). Heraklit hat vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren die Lebenszeit der Menschen mit einem spielenden Kind verglichen, das die Brettsteine hierhin und dorthin setze. Er spricht im Fragment Nr. 52 vom Regiment der Kinder, der Infantokratie. Die Absurdität der Situation muß nicht zum Politikverdruß führen. Die politische Tat bleibt eine Herausforderung; politisches Denken verharrt im Milieu des Anspruchsvollen. In Staunen versetzt einen die zweifellos ungetrübte Selbstsicherheit der Auftretenden. Ein Theodor Heuss etwa wußte um die Vorläufigkeit der politischer Aktion, daß man zwangsläufig in ein Dunkel hinein agieren müsse, daß jeder Entscheidung mindestens ein einziges Staubkorn der Angst, scheitern zu müssen, Fehler zu begehen, anhafte. Es bedürfe der göttlichen Gnade! Anders, ohne solches Ahnen, ja gläubiges Wissen, könne nicht regiert werden. Ich frage mich, wie man, selbst als ungläubiger Mensch, der den Anspruch erhebt, dem Denken (einem nachdenklichen politischen Handeln) verpflichtet zu sein, am elementarsten Text in dieser Hinsicht vorübergehen kann. Ich spreche von 1. Kor. 7, 29-31. Er müßte, dieser Text, auf dem hübsch eingedeckten Frühstückstischchen eines jeden Politikers als allmorgendliche Pflichtlektüre liegen. Das Wesen dieser Welt vergeht. Wir stehen keineswegs als Herrschende über solcher Vergänglichkeit. Als in sie Eingetauchte, Sterbliche, wäre jede Handlung in ihrer Vorläufigkeit, als Versuch und Tasten lediglich, zu begreifen. Was die politische Bühne so unbegreifbar banal erscheinen läßt, ist der Mangel an einer »heiligen Hypochondrie«, welche Johann Georg Hamann in einem Brief an Johann Gottfried Herder vom 3. Juni 1781erwähnt. Es bedürfte eines unbedingten Empfindens innerer Schwäche, des Nicht-Ausschließen-Könnens von Krankheit, eines potenziellen Angekränkeltseins, eben der paulinischen Einsicht, daß wir einem fatum (im weitesten Vergil’schen Sinne) unterworfen, eben auf die höhere Macht bleibend angewiesen sind. Nicht auszuschließen, daß sie, von der Angst ergriffen um ein übergeordnetes, höheres Scheiternmüssen, dann weniger aufeinander einschlügen, höflicher miteinander umgingen, die Kinder Berlins und anderer Hauptstädte dieser kleinen Welt.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)