Wir sitzen auf einer Bank am See; d.h. ich habe den Platz dort eingenommen – es ist an ihm, im Rollstuhl auszuharren, welchen ich vor die Bank geschoben. Ich führe ihn, der, einer Lähmung wegen, ans Bett gefesselt, spazieren. Kühl und bestimmend heute der Wind. Ich frage ihn, der er selber fast dreißig Jahre lang auf der Bühne gestanden, warum er seit Jahren kein Theater mehr aufsuche. »Ich brauche,« antwortet er, »keine Unterhaltung, kein Spiel um des Spielens willen. Ich trachte nach Erkenntnis. Also ziehe ich es vor, zu Hause zu bleiben und die Stoiker zu lesen.« Er bittet um Feuer. Ich möge die Zigarre ihm anstecken, die er gerne rauche am Ufer des Sees mit Blick auf die Alpengipfel, welche er so oft erwandert und bestiegen in früheren Tagen, da er dies noch vermocht. »Es ist überall dasselbe, in Theatern, Kirchen und Kinos, Markt- und Bahnhofshallen: Zeitvertreib nur ––– Geschrei, wo Du hinkommst. Nun ja.« Es will mir nicht gelingen, die Flamme vor dem Wind zu schützen. Es windet zu sehr, das Streichholz will immer wieder erlöschen. Ein mächtiger Ausflugsdampfer, von einer Riesenhaftigkeit, die den Maßen widerspricht des Sees, steuert den Hafen an. Der Wind treibt die das Schiff umflatternden Möwen auseinander, vereinzelt sie – die Menschen indes stehen zusammen. Sie haben allen Grund, Angehörige eines Vierten Standes, ihr Dasein zu feiern. Ausflügler in großer Zahl verlassen das Schiff. Wir sitzen schweigend lange noch zusammen – ich auf der Bank, er, von denkbar vornehmster Ausstrahlung seine Erscheinung, im Rollstuhl. Der Ausflugsdampfer hat wieder abgelegt; er treibt in die Ferne. Einmal sagt der alte Mann: »Es ist alles heut wie Trunkenheit, wie ein alter grauer Mantel.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)