Die allererste Option der Poesie: sich für den Rätselcharakter des Seins zu entscheiden. Daraus folgt, daß jeder Wortlaut (der journalistische genauso wie der marktschreierische…) als Poesie gedeutet werden kann, die Unterscheidung in Prosa und Poesie überflüssig wird. Nicht die Poesie ist dunkel. Die Wetter, die sich auf unsere Stirn legen, erweisen sich als zwielichtig und niemals in einem endgültigen Sinne vermeßbar. Der Poesie haftet eine Spur von Verschlamptsein an: insofern, als sie keinen festen Wohnsitz hat und wie Katzen durch Gassen und Täler streunt übereinandergeschichteter Zeiten. Die Barke der Poesie treibt auf die Offenheit der Meere und weiß, daß sie kentern (jedenfalls niemehr in einen Hafen heimkehren) wird. Wer könnte aus dem Gedicht die Spur des Gebethaften verbannen? Ununterscheidbar von allen Bestrebungen der Menschen sucht auch die Poesie das versöhnliche Gespräch mit dem je eigenen Sterben. Die Poesie ist unverbrüchlich organisch (daher der Maschinencharakter, auch der ins Organische sich hineinsehnende Algorithmus, ihr unangemessen ––– ich kenne einen Dichter, Iason Depountis, der zusammenzubringen trachtet, was aus meiner Sicht unvereinbar ist: »Wildgänse im Schneewind (im TV Xypsilon:) ein Schwan du erkennst einzig wie sie fliegen Regen geht auf deinen Kopf nieder (Kanalwechsel TV3) jemand (du?) stellt eine Kerze auf einen Schädel ….« ––– aus der großartigen – auch in ihrem Scheitern gewaltigen – Dichtung Systema Naturae). Die Poesie ist Vogelflug, Handschrift, geistgebeugter Gang der Talmudisten, verweinte Heiterkeit des Menschen in der Zeit. Die schönste Liebeserklärung ans poetische Wort hat die Feder des Paulus festgehalten: »Videmus nunc per speculum in aenigmate« (1. Kor. 13, 12). Gottes Sein gehört wesentlich dem Dichterischen. Gott ist der schlechthinnige Dichter. Das Universum, aus seiner Feder geflossen, setzt sich zusammen aus handgeschriebenen Zeichen, Buchstaben, die ursprünglicher als Gedanken. Jesu Kreuz darf jedoch nicht als Buchstabe verstanden werden. Es unterbricht den schönen Flug handgeschriebener Zeichen. Ich deute das Kreuz als van-Gogh’sche Trauerkrähe, die die Herde der Buchstaben verlassen und alleine über jenen Städten kreist, welche im Sterben begriffen. Jesu Kreuz: das erste Zeichen einer ganz und gar anderen Schrift (von welcher wir Sterblichen bislang nur dieses allererste Zeichen kennen). »Platanen verstehen meine Trauer; / die Oboe  dunklerer Winde weiß ja auch davon. / In den Nachmittag hinein, ein Glockenwurf, Blätter fallen / auf die Schritte derer, die dem Gedicht verschworen. / In rostverweinten Mänteln wie auch in asphaltdüstern / gehen die vorüber, die wir, vergeblich oft, um ein Gespräch gebeten.« (aus: Leserbrief an eine deutsche Zeitung)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)