Angst verstellt die Blicke auf das Vergangene. In Bangnis befangen schaut man nach vorn, harrt des Kommenden. Besänftigend allenthalben eine Müdigkeit, die einen nach allzulangem Hineinstarren ins Bedrohliche befällt. Ach, Müdigkeit, die nach einem ereignisreichen, oft zerdachten Leben sich wie eine Staubschicht über alles Gewesene hinzubreiten pflegt. Ich habe oft von einer solchen schöpferischen Müdigkeit gesprochen, Namen wie Adonis, Gerhard Meier, Peter Handke sind gefallen; Blumen wurden erwähnt (das Maßliebchen etwa), auf den Vogelflug, der das müde Schauen besänftigt, war ich zu sprechen gekommen. In Europa scheint das Leben erstarrt. Man ist eingesperrt in seine Gesinnung. Man grenzt sich ab; sitzt in seiner Küche und kocht vor sich hin. Verloren die Gabe, den Christus, die Engel, zu sehen, die hierarchischen Ordnungen des Geistigen wahrzunehmen. Geblieben ist der Körper, dessen Pflege, dessen Ort, dessen Tod. Allein der melancholische Mensch der Müdigkeit, aufgerufen von Vögeln und ihren Wegen, ihrem dichterischen Sein, vermag das eigene Haus noch zu verlassen, auf die Straße hinauszutreten und zu sehen. Nicht daß Europa die Aufbruchsstimmung bräuchte, das überall gefeierte In-Angriff-Nehmen der großen Aufgaben, ein die Ärmel-Hochkrempeln. Europa wäre angewiesen auf poetische Melancholie, aufs Erwachen des Geistes, auf einsame Spaziergänge abends am Rande der Dörfer.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)