Wenn wir den Gedanken des Gerichts in den Wind schlagen, verwerfen, wenden wir uns gleichermaßen ab von der Vorstellung, das Leben sei eine Prüfung (berge eine übergeordnete Bedeutung in sich); das Leben wird einer Beliebigkeit preisgegeben, einem Hintreiben überlassen ohne jede Bedeutung. Der Gerichtsgedanke verleiht den Ereignissen eine Hierarchie: es gäbe Wichtigeres und weniger Wichtiges, Würdiges wie auch Phänomene, welche kaum von Belang. Ohne eine solche Wertordnung fließt alles gleichrangig dahin, werden Unterschiede zwischen Schmerz und Glück etwa eingeebnet. Das Leben selbst wäre dazu nur da, hinter sich gebracht zu werden. Gesinnungen würden den Blättern entsprechen, die von den Bäumen fallen im Herbst. Warum sich erregen und ärgern über menschliche Torheiten? Alles würde doch bald vorbei sein. Man säße das Leben ab wie eine Schulstunde ohne Lehrer und Mitschüler, hätte vergessen, daß es die Schule gar nicht mehr gäbe und man übriggeblieben sei – ein Käferchen unter der Sonne auf der Suche nach einem Streifen Schatten. Der Gerichtsgedanke macht das Leben wertvoll und vornehm. Ja, er rückt uns ein in Furcht wie Ehrfurcht – was letztlich aber bedeutet: am Ufer zu stehen, in eine Ferne hineinzulauschen, etwas erwarten zu dürfen, einem übergeordneten festlichen Sein zu gehören; zurückzuschauen, in der Kindheit mehr zu erkennen als nur ein Vergangenes und Zufälliges. Aus dem Nachbarhaus werden in aller Morgenfrühe unzählige Kisten mit leeren Bierflaschen herausgetragen. Vielen wird das Trinken nur noch bleiben…

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)