Ein Leben in der Stille – es ist Hölderlins pietistisches Erbe, auf der Suche nach einem solchen durch die Tage zu gehen. »…segne mir lieber dann / Mein sterblich Thun und heitre wieder / Gütiger! heute den stillen Tag mir.« (aus: Des Morgens, StA I, 302v.18ff.) Dabei meint Stille weniger Abwesendsein von Umtriebigkeit, kein Sich-Verbergen vor Welthaftem in seiner schrillen Art – Stille erscheint als innere Haltung eines unbedingten Ausgerichtetseins auf das Heilige im weitesten Sinn (genauerhin als tragisch Poetisches faßbar). Der durch die Epochen und Landschaften des Lebens treibende Einzelne möge verankert sein und bleiben immerzu im letztlich poetischen Grund des Hergebrachten, jemals sichtbar Gewordenen (im Sinne Oetingers und seiner emblematischen, kabbalagesättigten Theologie könnte man sagen, daß wir die über alles hin sich entfaltenden, alles durchdringenden göttlichen Kraftfelder und Räume niemals verlassen können; Glaube aber bedeutet, sich dessen ständig bewußt zu sein. Der Christusleib ein uns unablässig Umgrenzendes! Auch im Sterben und Weggehn um uns her das Fluten der Meere und die Boote, die Boote mit Engeln). So gesehen ist Stille nicht Weltabgewandtsein – vielmehr ein Zugewandtsein, ein genaueres Hinsehen, ein wirkliches Betrachten. Der »Stille im Lande« ist der eigentlich im Leben Verwurzelte, der in der Hingabe tatsächlich Aufgehende. Er lebt, der Stille, nicht abgeschottet vom Lärm, er steht mit beiden Füßen im Zentrum des Lärms, hört und sieht jedoch ein Anderes. Ich spreche vom geheimnisvollen Blick des Frommen (im hölderlin’schen Sinn). Der Dichter, der Fremde, der Freund, der Gütige, bedächtig Handelnde. »…segne mir lieber dann / Mein sterblich Thun und heitre wieder / Gütiger! heute den stillen Tag mir.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)