Pflücke Kelche der Nacht diesem wilden Weinlaub aus der Nase. Lass‘ großwerden den Tag vor meinen müden Augen. Ach, die unzerstörbar anmutende Schlaflosigkeit ist in der Welt und geht an meiner Seite spazieren. Ich höre Großmutters Rufen auf dem Sterbelager: »Heiland, hilf mir.« Es war, wie könnte ich es je vergessen, ich war sechzehn Jahre alt damals, etwas unzerstörbar Vornehmes in solchem Flehen: »Heiland…«. Oft frage ich mich, warum wir aufgehört haben, vom Heiland zu sprechen. Niemand mehr sagt ›Heiland‹. Niemand. Nirgendwo höre ich dieses Wort; lese es in keinem Brief. Ein so schönes Wort! Großmutter war die Letzte, die es ausgesprochen. Während all der Jahre meines Pfarrerdaseins habe auch ich es nicht mehr gebraucht. Nicht ausgeschlossen, daß ein Glaube ohne Sehnsucht auf den Ruf nach dem Heiland (dem Heilenden, dem Erlöser) nicht mehr angewiesen. »O Heiland reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab wo Schloß und Riegel für.« – im Liedgut der Kirche darf der Heilnad noch wohnen. Aber wo werden sie noch gesungen, die Lieder der Barmherzigkeit und des Lichts? Wo?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)