Frühmorgens seelenmutteralleine am Strand. Noch sind die verwöhnten Hunde, die ihre Menschen ausführen, nicht gekommen. Sie führen ihre ›Herrchen‹ an der Leine und lassen sie ins Wasser springen und bellen ihnen zu, wenn sie, die Herrchen, sich allzuweit hinausgewagt. Stets, sofern die Gelegenheit sich bietet, die vornehmen Tiere, die in Vier-Sterne-Hotels wohnen, näher zu betrachten, kommen mir zwei große Texte in den Sinn. Zum einen: Die Prosadichtung »Les bons chiens« von Baudelaire – ein Lobpreis auf die armen Hunde (»Ich singe den kotbespritzten Hund, den herrenlosen Hund ohne Heim, den streunenden Hund, den Gaukler, den Hund, dessen Instinkt, wie bei dem Armen, dem Zigeuner, dem Schmierenkomödianten wunderbar geschärft ist von der Not, jener ach so guten Mutter, jener echten Schutzgöttin der Klugen. Ich besinge die Elendshunde, jene, die einsam durch die gewundenen Schluchten der Riesenstädte streunen…«) ––– zum anderen, vor Jahren bereits erwähnt (ich erlaube mir, die wunderbare Stelle noch einmal wiederzugeben): Louis-Ferdinand Célines Wertschätzung des stolzen Tieres. In D’un château l’autre (Von einem Schloß zum andern) schildert Céline das Sterben der Hündin: »…ich wollte sie hinlegen auf das Stroh…gleich nach dem Morgengrauen…sie wollte nicht, daß ich sie hinlege…sie hat’s nicht gewollt…sie wollte anderswo sein…auf der kältesten Seite des Hauses und auf den Steinen…sie hat sich sehr schön hingelegt…sie hat angefangen zu röcheln…es war das Ende…sie hatten’s mir gesagt, ich glaubte es nicht…aber es stimmte, sie war in Richtung der Erinnerung, von wo sie gekommen war, aus dem Norden, aus Dänemark, die Schnauze nach Norden, nach Norden gedreht…die Hündin, in einer Weise sehr treu, treu dem Wald, in dem sie herumstromerte, Korsör, da oben…treu auch dem harten Leben…der Walt von Meudon (wo Céline mit der Hündin dann lebte) bedeutete ihr nichts…sie ist gestorben nach zwei…drei kurzen Röchlern…oh, sehr diskret…ohne auch nur zu klagen…sozusagen…und in einer tatsächlich sehr schönen Haltung, wie im Sprung, beim Herumstromern…doch auf der Seite, zusammengekauert, am Ende…die Nase in Richtung der Wälder zum Herumstromern, da oben, von wo sie kam, wo sie gelitten hatte…Gott weiß es! Oh, ich habe schon ein paar Agonien gesehen…hier…dort…überall…aber auch nicht im Geringsten so schöne, diskrete…treue…«. In der Ferne die Fähren: überall das Saatgut des Messianischen, Brosamen submarinen Lichts.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)