Seit Jahren pflegt er, zwei-, dreimal unter der Woche, die Kaffeestube aufzusuchen. Er kann sich nicht erinnern, jemals jemanden gesehen zu haben, der von Hand geschrieben hätte; allenthalben harren sie versteinert an Tischen aus, starren auf die Bildschirme ihrer komischen Gerätchen, tippen, halb geöffnet zuweilen bei weniger Geübten der Mund, Botschaften in eine Leere hinein. Heute dagegen sitzt gut die Hälfte der Kaffeehausbesucher über Papieren und Notizbüchern und Heften und schreibt mit Stiften und Füllern. Was ist geschehen? Als ob die Köpfe der Schreibenden durch ein Seil verbunden wären – und das Seil »nach dem Ewigen Draußen« (P. Celan, Das SEIL, zwischen zwei / Köpfe gespannt…Die Gedichte, Frankfurt a. M. S. 489) langte und singen würde (»das Seil / soll jetzt singen – es singt.« ebd.). Dem Gebet eng verwandt, scheint Handgeschriebenes einen leichteren Zugang zur Gotteserfahrung zu ermöglichen (»Ein Ton / reißt an den Siegeln, / die du erbrichst« ebd.). Karel Kosik beschreibt in einem ergreifenden Essay (Die Architektonik der Welt, Lettre International Heft 36 / 1997), wie man das Poetische aus den Städten herausgetrennt und in die Verbannung geschickt. Stalin hat Ossip Mandelstam aus der Stadt verwiesen; der Dichter ist in der Verbannung gestorben. Aber der Dichter wird wiederkehren, die Poesie wird wiederkehren, der Messias wird wiederkehren. Das messianische Moment kann verdunkelt und vertrieben, aus der Stadt verwiesen – es kann nicht zerstört werden. Sie sitzen über ihren Papieren und Heften und schreiben von Hand. Das Gebet ist zeitweilig in die Stadt zurückgekehrt.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)