Im Lebensmittelgeschäft, vor den Regalen der Kaffeesortenvielfalt, werde ich mit der Frage konfrontiert, welches der Evangelien das mir Liebste? Ich nenne das Johannesevangelium und füge hinzu, es stehe für die Königskrone des XXI. Jahrhunderts (und sei, recht besehen, für besagtes Jahrhundert auch entworfen und niedergeschrieben worden). Ich würde es, ergänze ich darüber hinaus, in einem Atemzug mit der Johannesoffenbarung lesen. Dabei erschiene das Evangelium als fein gewobener Mantelstoff mir, die Offenbarung als Innenfutter – und alles vernäht mit den Fäden paulinischen Schrifttums. Insofern speise sich das Neue Testament aus den Kanalisationen dreier Städte: Hiroshima (die Wiedergeborene) , Woronesch (Ort des verbannten Dichters) und Bad Teinach (Stadt der erleuchteten Augen). Unser Christus der Auferstehung berührt das Mantelrevers besagter Städte. Seine Gegenwart schreibt sich in den Sand genannter Orte hinein. Nie zuvor hat Christus ein Haus gebaut in irgendeiner Stadt (weder in Jerusalem, noch in Rom oder Moskau; nirgendwo). Am kommenden 6. August 1945, dem Tag, da die Uhren vorerst stehen geblieben, wird er den Grundstein legen für sein erstes eigenhändig errichtetes Haus auf Erden: in Bergen/ Norwegen, weil es dort am häufigsten regnet, dort der schöne weiße Regen fällt.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)