Anonyme Angriffe im Internet auf bestimmte Menschen, deren Meinung einem nicht ins Konzept passt. Wieviel Hass sich entladen kann. Hass vor allem von den politischen (linken wie rechten) Rändern her. Menschen werden an den Pranger gestellt. Angesichts dessen denke ich nach über die ungeheuere Aktualität von Martin Luthers Verständnis der Sünde. Luther hat wie wenige vor ihm und nach ihm die Gewalttätigkeit, die in einem Menschen wohnen kann, in ihren Ausmaßen erkannt. Er hat um die Abgründe gewußt, wie auch um die Banalität, an welcher der Hass sich entzünden kann. Messianischer Glaube vermag zu heilen. Nicht nur, daß er an Barmherzigkeit erinnert; er erinnert uns auch daran, wie trivial die Motive, die uns zum Hassen anleiten! Die westliche Welt hat sich, was den Glauben anbelangt, denkbar weit von der Quelle entfernt. Glaube bedeutet so vielen überhaupt nichts mehr. Kein Wunder, daß vergleichbar wilder Hass in den Gassen und Hinterhöfen der Seelen hochkocht. Der spanische Dichter Rafael Alberti (1902 – 1999) spricht in einem 1931 publizierten Theaterstück vom »unbewohnten Menschen / el hombre deshabitado«. Ich erlaube mir, eine Stelle daraus zu zitieren. »Der Nachtwächter: Ein unbewohnter Mensch ist wie ein leerer Sack, wie eine leere Degenscheide, die beide gefüllt werden müssen mit Kohle oder Stahl, um wenigstens aufrecht stehen zu können. Der Mensch (protestierend): Bah, Du willst behaupten, ich sei ein leerer Schlauch? – Der Nachtwächter: Noch weniger, eine schmutzige Haut, unbewohnt. Städte, ganze Völker sterben dahin, überquellend von solchen Menschen wie du: hohle Anzüge, die nichts ersehnen, angetrieben von nichts als einer ziellosen Langeweile. Schau! Siehst du? Um die Ecke dort kommen Männer und Frauen ohne Leben, aufrechte Tote, die stolpernd durch die Straßen des Universums gehen. Angeödete Menschheit, leere Behausungen, außen frisch angepinselt, um die Verwahrlosung und das Dunkel zu kaschieren, in dem sie drinnen leben. Alles, was durch die Straße paradiert, ist eine Ödnis, eine vom Frost geschüttelte Wüste. Röcke, Jacken, Hüte, Hosen, bleifahle Masken, die Frauen und Männern gehören, Menschen, so unbewohnt wie du. Keiner weiß irgendwas, keiner sieht irgendwas. Tagtäglich stoßen sie gegeneinander. Sie rempeln sich mit den Ellbogen an, treten sich gegenseitig auf die Füße und verfluchen sich … Sie sind feig und häßlich, häßlich, häßlich, daß einen das Grauen packt…Es ist wie ein Trauergefolge, das dem Tod entgegenzieht, ein Leichenzug traumwandelnder Schneiderpuppen, die ihre Seele vergessen haben…«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)