Über Jahrhunderte hin galt die Kirche als die Brücke zu Gott. Man bedurfte ihrer spirituellen Räume und Gesten, um eine verbindende Nähe zum Höchsten erfahren zu können. Die nominalistische Philosophie, der nominalistische Denker Martin Luther insonderheit, hat, die Bedeutung des Einzelnen hervorhebend, die Kirche als Wanderstock gedeutet, der das gottsuchende Ich begleitet auf seinem Weg. Der Einzelne kann als Betender unmittelbar an Gott sich wenden; dazu braucht es keine Vermittlung, keine Brücke. Der müde Wanderer ist indes angewiesen auf eine Herberge, auf das Mahl, den liebenden Zuspruch. Die Kirche wird zum geistigen Schutzraum, zum Unterstand. Brücke und Wanderstab – ich sage nunmehr: Kirche ist dieser wundersam poetische Wind, welcher in einer zerrechneten, ernüchterten, poesielosen Welt den Menschen umweht, ihn stets spüren läßt, daß die poetische Aura des Christus ihn umgibt. Wind, der in den Wäldern der Lunge Reisig sammelt, der die Schwalben vor unsere Augen treibt, Wind, der Kühle uns zufächelt und uns atmen läßt in den vergifteten Städten, Wind, der in öde Winter den Mantel bringt einer betenden Silbe. Wind, der uns die Zahl ein ums andere Mal als Geheimnis in die Stimme trägt. Paul Celan spricht dann von der »atmenden Zahl«. Die Hoffnung, so die poetische Erwägung des Dichters, welche das poetische Ereignis ermögliche auch dort, wo die Poesie scheinbar vertrieben, treibe heimatlos als Segelboot durch die Welten der maskentragenden Menschen; zuweilen werfe sie »die Schlepptrosse aus«, lande an – daß in Gestalt eben der ›atmenden Zahl ‹ ein anderes Antlitz des Seins aufscheine. Die Zahl könne dann entdeckt werden in ihrer poetischen Tiefe; sei nicht mehr dem Rechenvorgang unterworfen, sei nicht mehr das Zahlenmeer der Banken und Verwaltungen, der Statistiken, der Gefängniszellen (dort die stotternde, gefolterte Hand den Tag als Strich hinschreibt); wir dürfen die lebendige Schönheit der Zahl erfahren. Ich nenne Beispiele aus meiner Sicht: die ZEHN, Zahl der göttlichen Emanationen (zehn Gestalten, Sephiroth, unter denen göttliche Gegenwart gemäß des Denkens der Kabbala in unsere Lebenswelt hineinwächst), die EINS (Zahl, die ein Umfasssendes, Unzersplittertes, ein alltragendes Totum erahnen läßt), die DREI der göttlichen Trinität, die VIERZIG (Israel war 40 Jahre in der Wüste, Elia und Jesus waren 40 Tage dort), die VIER (Heideggers Geviert, das Gewebe aus Himmel und Erde, Götter und Sterblichen, welches unser Wohnen bestimme) ––– In Gerhard Meiers Roman »Der schnurgerade Kanal« sagt der Schriftsteller K.: »Einer der Gründe, warum ich mich zu den Christen geschlagen habe, ist: Ich mag das Haschen nach Wind.« Kirche ist dieser wundersam poetische Wind.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)