Du hast Kunstaustellungen, die Museen, ehemalige Fabrikhallen, Kulturcafés besucht, hier und dort, während all der Jahreszeiten Deine Lebens. Du hast den Weg der Kunst nicht nur äußerlich betrachtend verfolgt, hast vielmehr innerlich anteilnehmend und suchend, ergriffen von Unruhe und flackernden Sehnsüchten, Dich hineingewagt in die Fragestellungen. Die Sonne der Angst jedoch hat über Deinem Wandern durch die Ausstellungen gestanden. Angst davor, daß Martin Heidegger ein prophetisches Wort gesprochen haben könnte mit seiner Andeutung, daß in der Kultur »keine Notwendigkeit mehr waltet.« Heidegger fragt, ob die Kultur nicht längst zum Betrieb geworden, daß ihr kein tatsächlicher Ernst mehr innewohne, daß Kunst Lebensstil eher und divertissement geworden: »Weil wir längst uns im Anschein des Kulturmachens beruhigt haben und ungern darauf verzichten, weil, sobald auch dieses genommen, nicht nur die Notwendigkeit des Tuns, sondern dieses selbst fehlt.« Ob ein solches fatum in der Tat über unserer kulturellen Umtriebigkeit regiert? Ich möchte es nicht glauben, kann den Gedanken gleichwohl nicht beiseite schieben. Heideggers Verdacht stellt , weit über den Kulturbetrieb hinaus, unser umfassendes Tun und Lassen (unsere Träume vielleicht sogar auch) in Frage. Wir schreiben keine Briefe mehr.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)