In jedem »Nicht-mehr« verbirgt sich die Wehmut eines Verlusts. Man wird nicht umhin können, vergleichbare Erfahrungen eines verloren Gegangenen zu benennen – was keinesfalls bedeuten möchte, vergangene Zeiten seien als solche schöner, tiefer oder bedeutender gewesen. Welt kann niemals gedacht oder erträumt werden ohne Zerrissenes. Einige grundlegende Gedanken nun, diesen ursprünglichen Riß betreffend. Man kann Schönheit verstanden als Parochet, als Tempelvorhang, gewoben aus Hyazinth und Purpur und Karmesin und gezwirnter feiner Leinwand. Die Parochet trennte in der Stiftshütte zuerst und dann im ersten wie wohl auch im zweiten Tempel das Heilige vom Allerheiligsten. Die Parochet war ein Verhüllendes; keine Mauer und keine Tür, für die es eines Schlüssels bedurft hätte. Der Hohepriester, dem der Zugang zum kodäsch hakadaschim (dem Allerheiligsten) im Jahr einmal gewährt war, brauchte das feine Tuch leicht nur, mit einer eleganten Geste lediglich, wegzuziehen und das Schweigen der schechina (die der Welt einwohnende Präsenz des Göttlichen), in das hineinzuhören er gerufen war, umhüllte dann seine von Gottgegenwart Momente lang geadelte Gestalt. Die Parochet ist jenes Tuch, welches der Vater über seiner Schöpfung ausgebreitet, und welches uns hilft, beim Betrachten etwa der Alpen, absehen zu können vom Verweslichen (vom Uhrwerk der Würmer und Maden) – Tuch, das, als über die Schöpfung gelegtes, eine Vision von Schönheit uns anbietet. Ich mußte oft denken an dieses Tuch, an die Parochet, den Tempelvorhang, sofern ich an Sommerabenden, auf der Terrasse des Montfort-Schloßes in Langenargen stehend, hinüberschaute leise über dunkelnde Wasser und ich die Augen aufhob zur tagsüber zementgrauen Reihung der schweizer Berge, die nun aber im Begriff waren, verklärt wie das Antlitz einer Schwangeren, vom Tag sich abzuwenden. In der Parochet zusammengfaßt die Schönheit als geschaute Erscheinung des Irdischen. Christus aber stirbt, die Parochet, der Vorhang, zerreißt (»und der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von obenan bis untenaus.« Mk. 15,38). Sichtbar wird der ewige Riß, das unabdingbare Sterbenmüssen aller Dinge, welcher nicht nur das Zerreißen ist von Hiobs Gewand, welcher nicht nur durch den Christusleib, vielmehr durch die ganze Schöpfung schneidet. Ohne diesen Riß kann Schöpfung nicht erfaßt werden. Der Riß zieht sich von Anfang an durch die Schöpfung. Der Riß zieht sich durch betrachtete Schönheit überall. Dies bedenkend, halte ich dennoch daran fest, zu behaupten, daß grundlegende, schöne, tiefsinnige, feine Gesten und Gedankenbilder verloren gegangen sind. Keine Verklärung des Vergangenen (wir »sehen« den Riß, nehmen ihn zur Kenntnis!) – die Welt war nicht besser; sie war anders. Solches ANDERS-GEWESEN-SEIN indes erweckt Heimweh in uns, läßt uns den Verlust empfinden. »Alpen, die um unser Hiersein stehn, in Nacht verloren, im Gelächter jener Sterne / aufgelöst, die erlöschen werden. Alpen, deren letztes Auge spät erblindet. / Meine Hand ist jetzt ein Stern, der die Seite umblättert //….Es ist weder an der Eule noch an uns, das Ende anzusagen.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)