Behutsam führt der Pfad in die Höhe. Steine zuweilen, Nadeln, Zweige der Kiefer, Zapfen, Wurzelwerk und Ameisen auf schwarzer, ansatzweise feuchter Erde. Augenblicklich begreift man, daß die Stille keinesfalls im Drumherum sich eingenistet, gar nicht auf den teilweise noch oder wieder zivilisationsabgewandten Bergrücken zurückzuführen wäre ––– daß diese, diese ergreifende Stille, die ein mit Buntstiften in Kinderhandschrift gemalte Zahl sein könnte, vielmehr im Weg als Weg wohnt, als eine dem Pfad inwendige Kraft sich eingeschrieben. Lärm mag herrschen in welcher Gestalt auch immer, der Pfad mag durch einen Maschinensaal mäandern – das Lärmen kann die Stille des Pfades nicht zerstören. Die Stille des Pfads (als inwendige Macht) läßt an das Christusantlitz denken. Ganz im oben beobachteten Sinne läßt sich sagen, daß die Stille aus dem Inneren des Antlitzes, unabhängig von zerlärmten Kulissen, herausgeboren wird. Das Antlitz steht traurig und schön über dem Schrei des aufzuckenden Blitzes, zusammenstürzender Türme, einsam Sterbender. Stille wäre nicht zu deuten als die Abwesenheit von Lärm; als unmittelbare Gegenwärtigkeit vielmehr eines Kontinents, der in unser Hiersein hineinragt, auf den indes noch kein Sterblicher den Fuß gesetzt. Es ist gerade die Stille des Bergpfads, die Stille des Christusantlitzes, die Stille einer Kinderhandschrift der Buntstifte, die Stille der Höhlenmalerei, welche als inwendig Verschwiegenes im Äußeren vorwaltet, anwest – ohne greifbar, beschreibbar zu sein. Es ist die Stille, die in der letzten Silbe wohnt eines Grußes, den der Frontsoldat seiner auf dem Bahnsteig zurückbleibenden Braut zuruft in den Momenten, da der Zug in Bewegung sich setzt, die Truppe in den Tod zu schicken. Stille, welche Schrecken auslöst in unseren Seelen; Stille gleichwohl, die schön ist, erhaben. Stille, die wesentlicher als jedes Zetermordio Schreien. Halme, die still, vom Wind berührt herumstehen um eine in sich selbst verlorene Geschäftigkeit der Welt. Behutsam führt der Pfad in die Höhe. »Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.« (Eduard Mörike)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)