Mein Schulweg hat, wie mehrfach bereits erwähnt, am Geburtshaus Eduard Mörikes vorübergeführt. Von Kindheit an sozusagen ein Berührtwerden: ein Name, der Name eines Dichters, der sich früh in mein Bewußtsein eingesenkt. Eine Spur war vorgezeichnet, der ich ein Leben lang gefolgt. Wie Mörike habe ich die Schönheit und Traurigkeit des Christusantlitzes »gesehen«. Geleitet von Paulus, auch darin Mörike verwandt, hat mich der »irdische« Jesus mäßig nur angesprochen. Mein Christentum war ein Auferstehungschristentum von Anfang an. Das erste Kapitel des Kolosserbriefs (Kol. 1, 15-23) bildete mein Evangelium. An der Johannesoffenbarung kann ich mich bis heute nicht satt lesen. Die Entdeckung der Poesie verdanke ich der Auferstehungskraft, die mich geleitet, den »anderen« Kontinent Heraklits und Hölderlins, den Kontinent der Modernen vieler Sprachen zu erkunden. Der Tod war nie mein Feind gewesen. Augen schönen Lichts werden uns rufend anschauen, wenn wir weggehen (vgl. das Mörike-Gedicht »Auf den Tod eines Vogels«). Ich war kein Kind des Marxismus; ich war stets das Kind surrealistischer Inspiration, ein Kind antiken Geistes und des barocken Chorals, der Malerei des Antoni Tàpies, ein Kind der poetischen Kirche (Schöneres nicht als vor einem Altar zu knien und die Worte des Heiligen Abendmahls leise zu sprechen). »Hoher Tag, verregnet schon zur Mittagsstunde / Der Stiefelschaft steht vor den Gittern draußen / Zu Grabe trage ich die Asche einer Bücherstube // Der Baum der Dichtkunst wächst in deiner Nacht« (Munt de la Bês-cha, Engadin, Giovanni Segantinis gedenkend). Was wissen wir über die Mächte und Gewalten, die unser Hiersein prägen und beeinflussen? Wir wissen wenig oder nichts, »weil wir im Winde treiben.« (Jochen Klepper)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)