Ein verzweifelt schönes Blau der Wegwarte nippt am Kelch mit Regenwasser. Seit Wochen der Ruf nach Regen, seit Wochen schon. Zuweilen gedenken wir der Toten, die vor Jahrzehnten vielleicht bereits weggegangen. Wir gewahren das Wegwarten-Blau am Rand des Pfads und (ungerufen wie plötzlich) erinnern wir ein bestimmtes Antlitz. Dankbarkeit, gründlich empfundene, breitet sich aus oft genug dann unterm schwarzen Band der Wolken. Der anfängliche, über Jahreszeiten hin wehende Schmerz des Verlustes (ein Pilgerzug die Wände der Stirnen hinauf) ergibt sich ins Verwandeltwerden: insofern, als aus dem wild aufzuckenden Schrei mählich ein leiser und leiser, sanfter werdendes Weinen wird, weil wir zu verstehen anfangen, was die Moderne empört zurückstößt und mitnichten wahrhaben möchte; daß nämlich die Verstorbenen überwunden haben, was zu überwinden uns noch bevorsteht. Es war über Jahrtausende hin ein wunderbares Gefühl im Rund der Totenerinnerung: dies »Ich hab nun überwunden…« Worte, die sich auf Kierkegaards Grab noch finden, über manchem Tod noch stehn, Worte von einsamer Wegwarten-Schönheit. Worte, die, ein Bergmassiv, kleine Menschenwelten souverän überragten. Worte, die ausgesprochen wurden ehrfürchtig. Worte, die Brot waren und Honigseim, Wegzehrung wie Poesie der Seele. In Halle des Postamts bin ich Teil einer Warteschlange, die sich vor den Schaltern gebildet. Worauf warten sie alle, die es so eilig haben. Ob außer mir noch jemand unter diesen Anstehenden und Wartenden dem Gedanken nachhängt, daß wir überwinden müssen?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)