Ungeachtet der globalen Perspektiven, die in das Leben hereindrängen, bleibt die wahrgenommene Welt des Einzelnen gleichwohl zersplittert, aufgespalten in mikrokosmische Sphären des Alltäglichen: Kinder, die Basketball spielen, Glassplitter auf dem Gehweg vor der Haustür, Telephonate mit Behörden, Anstehen um Speiseeis, der Versuch, die schwere Tür aufzuziehen zur Fahrradkammer, das Ärgernis, so viele Namen und Romanhandlungen vergessen zu haben. Pascal hatte wie kein anderer das Gespür für die Zerrissenheit der Seelen; daß wir schlußendlich im Quadrat eines Schachbretts wie in einem Hühnerstall wohnen, im Kreis herumirren ein Leben lang, kaum etwas erreichen, Lügen auf den Leim gehen, uns selber gegenüber äußerst fremd sind, von Erlebnis zu Erlebnis getrieben werden – und dennoch das ganz Hohe, das Christusantlitz, verehrend und preisend zu denken vermögen. In der menschlichen Seele ist das Besondere wie das Gewöhnlichste zu Hause. Viel läge daran, zu zeigen, daß das Heilige auch im Bereich des Geschmack- und Stillosen, des Banalen, Abgeschmackten, im denkbar Gewöhnlichsten eben, ausgegraben werden kann. Die umfassende Seele darf als unterkellert gelten. Das Heilige wohnt im Hohen wie im Hof der modernen Zivilisation. Krieg und Tod wesen auch im Schönen an – gleichermaßen verbergen Barmherzigkeit und Antlitz sich in der Zuckerwatte der Jahrmärkte und Uferfeste, hinter den Regalen der Einkaufsmärkte, hinter Latrinen, hinter Geschmacklosem, Einfältigem, vermeintlich Gottlosem. »Ach, warum denn übers Dasein derer sich erheben, / die am Ufer entlang weinen, vor sich leise hinleben, / nicht nachdenken und Seelachs kaufen, Wodka, / Obst; die ihre Kinder taufen lassen. Sie sind doch müde. / Niemand tanzt, der nur ein Leben hat. Wozu die Sudel- / hefte, allen Schwalben doch so fremd? Im Jahr / zweimal die Toten sehn – mehr an Kultur bedarf es nicht! / Der Krieg, die schlimme Zahl, bleicht alle Farben aus.« (aus: »Anarchia Blutarmut Einkaufsmärkte«) Der unendlichen Vielsprachigkeit alles Lebendigen gerecht zu werden wird niemandem gelingen. Das einzige totum, das wir Menschen zu erfassen begabt sind, ist die Barmherzigkeit Jesu. Darum zitiert jeder Mund, auf dessen Lippen der Name glüht aller Namen, das Ganze, das Kosmische.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)