In einem tieferen Sinn suche ich nach dem verborgenen Zusammenhang von Gesang (archaischer Dichtkunst), Philosophie und religiöser Praxis. Dies unterirdische Verbundensein kann nicht einfachhin benannt, begrifflich erfaßt bzw. nachgezeichnet, nachbuchstabiert, erklärt werden. Ins Auge gefaßt werden müssen unzählige Flußdeltas, ihr Münden in einen von Bergen überragten, gleichwohl meerweiten See. Wie nur das mäandernde Strömen der Wasser gedanklich umgrenzen? Buchstaben erwiesen sich allenthalben als Eimer, die ermöglichen, aus den Flußläufen Wasser zu schöpfen, um so, trinkend und trinkend, einen Geschmack vermittelt zu bekommen – allein…Mein ursprünglicher, im Tübinger Stift Mitte der Siebzigerjahre gefundener (besser: aufgestöberter) Gedanke: Die Wasserströme würden münden in das Gebet (dabei das Gebet als ein nicht artikuliertes Flehen – cf. Rm. 8, 26: das unaussprechliche Seufzen in uns – gedeutet wurde). Es sei dies stenagmós alálētos, dies unaussprechbare Seufzen, welches die Seile von Gesang, Denken und Beugen der Knie zusammenknüpfe »unterm Tisch«. Im Gebet (ein Kafka und D.M. Thomas vertrauter Gedanke) glänze gewissermaßen, so meine damalige Annahme, eine Einheit auf, welche Traum, Inspiration, Klanglinie und Rationalität umschließe. In jedem Fall hat die Einsicht bleibende Bedeutung, daß das Gebet nach Rm. 8, 26 eine in der Tat ursprüngliche Erdschicht darstellt, die alle Äußerungen (Emotionen, vernünftige Erwägungen, Traumgesichte) trägt. Das erste Erstickungsgefühl nach der Geburt, der erste Schrei des Neugeborenen zeigen noch Blutspuren besagter Erdschicht. Das Gebet ist der Brunnenschacht, aus dem die Existenz des Menschen heraufgezogen wird. Ich singe die Lieder der Angst und der Seele, verbringe die Nächte seit jeher über philosophischem Schrifttum, ich gehe nachmittags in die verlassene Kapelle, um, verlorenen und ausgefransten Geistes, die Hieroglyphen anzustaunen, die Kerzenwachs auf die steinernen Bodenplatten getropft der Gotteshöhle.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)