Mein ganzes Wesen wurde dieser Tage hineinverwandelt in die lange anhaltenden Regenstürze. Alles in mir ist aufgestanden und in den Strom vom Himmel her hineingegangen. Alles Verfestigte hat sich gelöst. Das Gebet will so ein herabfallendes Regnen sein, ein unendliches Strömen auf dem Grund der erscheinenden Welt. Der Regen erinnert an die Liturgie, die in jeder Seele, in jedem Steinchen, in jeder Ameise, in allem Verborgenen wie Zuhandenen gefeiert wird. Dies ursprüngliche Gebet fließt gleichermaßen durch unsere Sprache, gibt ihr Leben, immer neue Ausdrucksmöglichkeiten. Die Liturgie des grundlosen Grundes flackert im Leben wie im Totenreich, glänzt durch die Sprache Kants wie durch die Sprache Hamanns, trägt Gesang vom Mund ins Ohr der Lauschenden, führt die Pinsel jener, die übers Papier gebeugt oder vor Leinwänden aufrecht stehn, führt den Geigenbogen, ruft Silben aus dem Dickicht eines wilden Ineinander von Gedanken und Klang und Freibeutertum der Sprachpiraten hernieder ins Schreibheft. Besagte Liturgie ist der Nachen, in welchem wir hinübergeschaukelt werden über die Schwellen des Lebens in andere Reiche. Niederprasselnder Regen zeigt sich verschwiegener als leises Tröpfeln, in welchem Stille lärmt. In unseren Augen sammelt sich verregnetes Schwarz und will als Schlaf auf alle Halluzinationen sich legen und besänftigen, dem grünen Einband der Frankfurter Hölderlinausgabe auch das Grelle nehmen, welches mir unangemessen zu sein scheint (es gibt in Hölderlins Sprachfeldern kein Schreien, es ist alles Ruf, Gebetsruf, alles kommt aus gefalteten Händen). Mein Füller hat dieses reife Grün, das wie ein Feldrain an mein Tagebuchheft rechtsseitig grenzt.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)