Sonntäglicher Spaziergang über einige Kilometer abendländischer Erde. Auf jeden Quadratzentimeter dieser Erde, jeden Quadratzentimeter Sand und Staub und Schlamm sind über Jahrhunderte hin Splitter, Scherben, Perlen der Christusverehrung gefallen, Tränen getropft. Das Christentum lebt bis heute aus der Kraft der ersten Märtyrer. Diese Kraft ist stärker; sie trotzt all den Versuchen, den Jesusglauben mit Akten der Gewalt (der Inquisition etwa) zu besudeln. Ein Christuszeuge wie Søren Kierkegaard etwa bezog im Kopenhagen des 19. Jahrhunderts seinen Widerstandsgeist aus dem ursprünglichen philosophischen Aufstand gegen Rom und dessen Heidentum. In jeder aufrichtigen Predigt findet sich bis heute (und daran wird sich zukünftig nichts ändern) die Spur des entschiedenen Unwillens, vor irdischem Kaisertum die Knie zu beugen. Ursprüngliches Christsein ist schön (infolge des schönen Antlitzes – wessen? Des eigentlichen Königs –––); es ist widerständig, philosophisch durch und durch, poetisch: eine Werkstatt der Phantasie und des geistigen Ringens. Christentum ist Lektüre, einsamer Spaziergang, jedem Anflug feind von Misanthropie, ideologisch bedingtem Haß. Christentum ist Hinaustreiben aufs Meer, Hirtenamt, Barmherzigkeit. »Gedanken, die an Salz und Sand / der Aufzeichnung flüchtig nur gebunden. / Am Schwarzwaldrand der Julimohn / hochsommerlich wird blühn.« (aus: »Über Rußlands Dörfern der an eine Wagneroper erinnernde Wind«). Jesuanischer Glaube verschenkt sich, Gott sei es gedankt, als Refugium stets auch (als weltabgewandte Wohnstatt inmitten der Welt). Ein weltflüchtiges Moment, wesentlicher als wesentlich, darf gar nie in Frage gestellt werden. Alle Versuche, Christsein ausschließlich im Dieseits zu verankern, rauben die urständige Märtyrerkraft. Christentum will immer auch Weltflucht sein (ein Stehen vor Bücherregalen, das Gleiten der Blicke über die Flut der Buchrücken und der Titel, und die Gewißheit, daß in jedem Buch das Zelt aufgeschlagen eines zeitweiligen Unsichtbar-Seins). Glaube entspricht der Architektur des Vogelflugs insofern, als das Wohnen im Bibelwort eher als Innenhof sich ereignet und zur Straße hin die Wände stehn mit kleinen Fenstern (im Inneren das Wesentliche sich zuträgt und der Außenanblick schlicht und ergreifend das Gleiten zeigt durch die Lüfte wie auch ein angestrengtes Flügelschlagen zuweilen). Aber wir treten auf die Straße hinaus und tragen dies unbedingt und unabänderlich Verborgene, in welchem ein Unaussprechliches regiert, in den Tag der Anderen, der unzähligen Einzelnen. Die erhabene und große Fügung meines Lebens, daß ich in dieses metaphysische Geäst hineingeboren worden und seitdem darin verfangen bin und darin habe bleiben und atmen dürfen bis heute. Seit jeher die Versuchung mir fremd, vom Glauben mich abzuwenden. Der Weg hat immerzu in die andere Richtung geführt, ist den Sternen gefolgt (dem messianischen Stern). Vertiefung des Glaubens anstatt ein Sich-Abwenden. Das ist groß. »An einem Abend stieß ich auf die Leere eines Gartens / Ort wo ich die Andeutung von Schlaf gefunden / In Plastiktüten gut verstaut die Zeit des Wartenmüssens / Um den Kopf das Tuch betagter Seeräuber gebunden // Liebe Kinderlein, wer, der jemals eine Antwort fände« (aus: »Texte studierend der Stoa«).

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)