Jeder Schritt über Asphalt, Erde, Staub ist Teil eines kosmischen Dramas. Du hebst das Glas mit Wasser an Deinen Mund – jede Geste ist Teil besagten Dramas; jedes Wort, von einem Menschen gedacht, gemurmelt, ausgesprochen ––– es gibt nichts Überflüssiges, nichts, was unter den Tisch fiele; nichts, das verloren ginge (an Schönem wie an Abgründigem). Alles Freche, Dumme, Graue in Deinem Leben gehört zur Partitur. Wo Du schuldig geworden, wo Du barmherzig gehandelt – jede Note wird angeschlagen auf der Tastatur. Wir nehmen eine Rolle ein im Drama von Anfang an. Wir sind Teil jenes Ganzen, welches als Drama nur gedacht zu werden vermag, als großes Musiktheater, als Gesang. Ich fasse den genialen Entschluß, ein Glas Schnaps in den Mund der Morgenfrühe zu gießen. Ich wünschte mir einen Morgen, der betrunken erwachen würde, dem ich nüchtern gegenüberstünde, über den ich lachen könnte, der auf einem Bein balancierte am Seerhein entlang, der das Frührot eines aufgehenden Tages in seiner Höhle vergäße, indes nicht mehr umkehren möchte, der seinen flüchtig über die Schultern geworfenen Mantel verlöre und durch die frühen Stunden frierend irrte, pfeifend sein kleines Straßenkinderlied. Jeder Gedanke, alles Gedachte wird wie ein Teig gewogen zuerst und ausgewellt, und, nachdem er auf Tiefenstrukturen ausgeleuchtet wurde, im Ofen gebacken dann – daß er seinen Duft entfalte. »O einer Kastanie heilige Verschrobenheit! Und irgend sanft, / passiv (in sich ein Moment des Innehaltens) schüttelt / die verschwiegene Landschaft Laub des Traumes / auf die Hütte. Heiter tanze ich in einen Tag.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)