Während einer Fahrradtour gestern habe ich eines meiner Notizbücher verloren – eines jener kleinformatigen Hefte, die mich begleiten auf meinen Wegen. Unterwegs pflege ich Gedankesplitter, Beobachtungen einzutragen, Skizzen zu verfertigen; jenes Flüchtige eben festzuhalten, welches ich, zu Hause wieder angelangt, in aller Regel, den Stichwortcharakter in einen fließenden Text überführend, weiter auszuführen, zu entwirren, zu verdeutlichen geruhe. Ich hänge sehr an diesen kleinformatigen Heften. Ich empfand den gestrigen Verlust als etwas Trauriges – daß ich heute, in gebotener Frühe, unverzüglich das Haus verlassen und die gestrige (mehrstündige) Tour nachgefahren bin, die Wege abgesucht ––– und das Büchlein gefunden habe. Einer zertretenen Wegwarte gleich glänzte es unscheinbar, beliebig sozusagen hingeworfen, in schönem Blau am Wegrand. Behutsam habe ich das vom Tau noch feuchte Heft vom Boden aufgehoben und in meine Umhängtasche gesteckt. Sogleich erwachte der Gedanke in mir, dies Wiederfinden eines verlorenen Schreibheftes sei eine Allegorie für das Wiederfinden des Glaubens (nachdem man diesen zuvor verloren). Man bricht auf, etwas wiederzufinden, das einem viel bedeutet hatte einst, das dann im Gedränge alltäglicher Ereignisse, wahnhafter Verwicklungen und biographischer Dunkelheiten aus der Tasche gefallen und verlorengegangen; nach welchem man in Tabakläden, Museen, Hörsälen, in fremden Häusern, auf Bahnsteigen, in Kaffeestuben gesucht und gesucht – bis man es schließlich, ein Büchlein von der Schönheit der Wegwarte, am Rand einer vielbefahrenen Straße (vermeintlich zufällig) wiederentdeckt. Die zitternde Hand blättert das Schreibheft auf, man erkennt die eigene Handschrift (die sich unterdessen natürlich verändert, einer gewissen Grundausrichtung indes treu geblieben ist), liest Worte, von denen man kaum glauben möchte, daß man sie vorzeiten niedergeschrieben, man ergibt sich dem Sog, der einen in die Tiefe der Aufzeichnungen zieht, man entdeckt, wonach man (ohne es eigentlich bewußt zu tun) Jahrhunderte lang gesucht und gefahndet.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)