»Vierzig Jahre tief steige ich in den Schacht Deiner Seele / Ich lege einen Grashalm in die Schale Deiner Hand / Mein Tag im September ist ein wenig kühl / wie alle Umstürze es sind.« (»Abendlied«) Wir haben lange gesprochen über die vieltausend Seiten niedergeschriebener Christologie. Er war bereits weitergegangen, als ich ihm noch hinterherzurufen mich genötigt sah: »Der auferstandene Christus ist eine nordische Stadt.« Er hielt inne, wandte sich um, rief: »Daß der auferstandene Leib eine Stadt, das will mir einleuchten. Warum aber eine nordische?« Er zuckte mit den Achseln, was auch mich veranlaßte, eine Geste der Ratlosigkeit in die Luft zu zeichnen. »Ich weiß es auch nicht.« Er setzte seinen Weg fort. »Also dann!« Vielleicht, dachte ich, Stunden später an einer Bushaltestelle stehend, stünde das Moment des Nordischen für ein gänzlich Unerwartetes und Anderes der Auferstehungswirklichkeit. Kein Palästina und kein Israel, kein hellenistisch ersonnener Kosmos – die nordische Stadt vielmehr, Bergen, die Regenreiche –––

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)