Einer alten Gewohnheit frönend, nehme ich die ersten Kastanien des späten Sommers, die auf der Straße liegen, in die Hand, erspüre ihre Gestalt, gewahre die Anteilnahme, die sie zeigen an meinem Leben. Die Haut der Kastanien erinnert mich an die zartblaue Leinenbindung der Stuttgarter Hölderlinausgabe. Beide, die Haut der Kastanie, die Haut der Werkausgabe, verstrahlen Wärme und Nähe und Geborgenheit, sind mir ein Unterstand, wohin ich zu flüchten weiß vor bösen Wettern. Gestern saß ich, wie Walther von der Vogelweide vor ein paar hundert Jahren, auf einem Stein nahe des Mindelsees. Ich las in besagter Stuttgarter Hölderlinausgabe, als ein vorüberschreitendes Ehepaar innehielt, schüchtern an mich sich wandte, mit der Bemerkung, daß sie erstaunt seien, einen Menschen zu treffen, der unter freiem Himmel Hölderlin läse; sie hätten den Band der Stuttgarter Ausgabe sofort erkannt; auch hätten sie vor Jahrzehnten in Konstanz bei Professor Ulrich Gaier Hölderlin studiert; lebten nunmehr, ganz anderen Berufsfeldern übergeben, in Berlin, würden besagter Hölderlinzeit indessen nachtrauern täglich und Jahr für Jahr nach Konstanz reisen, sich der untergegangenen Zeit zu erinnern – wie auch selbstverständlich auf der Rückreise Tübingen besuchen und an Hölderlins Turm vorübergehen. Hölderlins Worte würden, bekannte ich, wie Spinnen in altem Gemäuer, in meinem Gedächtnis wohnen, ihre Fäden ziehen, hierhin kriechen, dorthin wandern, ständig sich, Winde unbekannter Herkunft, in mir bewegen, in mir singen, in mir die Böden kehren, unzerstörbar als Zitate in meinem Gedächtnis wohnen. Meine Begegnung mit dem dichterischen Werk Hölderlins sei schicksalhaft, habe meine Existenz entschieden geprägt, den Glauben in mir vertieft ––– Woran ich denn glaube, fragte die Dame. Ich zeigte versonnen auf das Sternbild der Johannesoffenbarung, auf den Christustempel – worauf beide den Kopf schüttelten. Nein, Hölderlin habe mit Christus nichts am Hut gehabt, er habe den Namen als Metapher nur verwendet für eine neue revolutionäre (nicht wie in Frankreich verratene) Wirklichkeit. Ich brachte den Mut nicht auf, zu widersprechen. Ich senkte meinen Blick, betrachtete das Alphabet des Staubs. Die beiden waren ausgesprochen sympathisch. Ich wollte nicht streiten. Ich habe das Streiten immer verachtet. Ich würde, dachte ich, nach Hause zurückgekehrt, bis tief in die Nacht hinein mit einer Aufmerksamkeit, die ans Gebet denken läßt, Marc Aurel lesen. Warum diese ununterbrochene Anstrengung großer Teile der Literaturwissenschaftler, Hölderlins späte Christusliebe in Frage zu stellen (dabei an den Haaren herbeigezogener Argumente sich befleißigend)?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)