Das Aufbeißen einer Frucht, einer Pflaume etwa, die sich dann als faulig erweist. Ich gewahre den Wurm, wie der, so mein Eindruck, sich, seiner Verborgenheit beraubt, ob des Entdecktwordenseins verlegen windet und irgendwo hinfliehen möchte, was ihm versagt sein wird. Das Würmlein in seiner Nacktheit, hilf- und wehrlos ausgeliefert dem Betrachter, der die zwei Hälften der fauligen Frucht in Händen hält. Gestern Abend die konzertante Aufführung zweier Stücke Hans Zenders (Hölderlin lesen III & V) im ausgebauten Bühnenraum des Meersburger Vineums. Geduldig und barmherzig das Fließen flächiger Klänge, das Beschreiten auch ausgesetzt einsamer Hochgebirgs-Pfade der Streichinstrumente durch ein Dickicht bewußten Kratzens der Geigenbögen, Dickicht der Pizzicati, des stockenden, Sinn-Splitter herausgreifenden, diese oft wiederholenden Sprechgesangs der Rezitatorin Salome Kammer ––– Ereignis, das mich an das Aufbeißen der Frucht erinnert: Hölderlingesang, der, einem Mund entsprechend, die Frucht meines Lebens zerbissen und die Nacktheit nunmehr zeigt meiner Seele (der sich windenden Nacktheit des Würmleins vergleichbar). Meine Seele, wie ein Stuhl stehst Du vergessen und übriggeblieben in einer ansonsten leergeräumten Stube des frühherbstlichen Abends. Du, meine Seele, verzage nicht. Ein großes, unbedingtes wie notwendiges Ereignis der Kunst an einem vermeintlich beliebigen Samstagabend offenbart Dein Verwiesen-, Dein Angewiesensein auf Göttliches, Dein Rufen nach Christus, Dein Ru- Ru- Ru- Ru ––– Schroff das Abbrechen der Stimme in der leergeräumten Stube. »…und schroffabbrechend, untreu, / Des Menschen Werk…« (Patmos, Str. 8, v 114f.)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)