Manchmal genehmige ich mir einen kleinen Schluck vom Wein des Fernsehens. Der Wein ist sauer; Hunderttausende von Liter, die nicht gut ausgebaut wurden. Ein Massenprodukt – und eben doch das Geschenk uralter Weinstöcke mediterraner Erde. Wenige nur, die ganz und gar teilnahmslos daran vorübergehn. Ich sehe sie sitzen im Halbkreis und miteinander diskutieren, all die vielen, die auf die Bühne treten und vermeintlich Bedeutendes von sich geben. Sie versuchen, dies und das zu erklären. Dagegen ihre Gedanken viel zu kurz greifen. Es sind immer nur Argumente, die auf denselben Nachnamen hören. Gar nie ein Wort, das aus der Reihe tanzte. Man braucht eigentlich gar nicht zuzuhören – man weiß im Voraus, was aus den Mündern fallen wird. Die Argumente sind stumpfe Messerklingen. Denker und Dichter treten nie auf. Warum meiden sie die Bühne der öffentlichen Sender? Vermutlich käme auch niemand auf die Idee, sie einzuladen. Und wenn sich dann für Dichter und Denker doch die Gelegenheit böte, aufzutreten – ihr Wort würde im Gleichschritt durch die Abende gehen, wie die Worte all der anderen. Das Gedicht (auch die poetische Fuge der Philosophie) bedarf des Abseitigen, Stillen, geht am Monrepos entlang spazieren, dem geheimnisvollen Schloß mit dem verwunschenen Teich der Kindheit vor den Toren Ludwigsburgs, wo ich die ersten Brosamen der Dichtkunst aufgeklaubt von staubigen Pfaden. Das Gedicht vermag nicht zu streiten, erträgt die Wetter der Öffentlichkeit gar nicht. Der Zettel des Gedichts weiß sich in der Tasche zu Hause, die Jesus sich über die Schulter gehängt. »Obstgärten des Abends liegen wie Augenringe schwarz geschrieben / Unter allen diesen Städten der Vergeblichkeit« (aus der Dichtung »Tragische Theologie«).

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)